Der Anruf kam von einer unbekannten Nummer, kurz nachdem ich Claras kryptische Nachricht erhalten hatte. Ich zögerte, doch etwas drängte mich, abzunehmen.
„Frau Richter?“, fragte eine ältere, aber feste Stimme.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Ja? Wer spricht da?“
„Hier ist Frau Meier. Aus dem Bus.“
Die alte Dame aus dem Bus. Die Frau, die mich vor Konrad gewarnt hatte. Ich erinnerte mich sofort an ihre eindringlichen Augen und die leise, aber dringende Warnung, niemanden in Konrads Familie zu trauen.
„Frau Meier!“, sagte ich, meine Stimme war überrascht. „Wie geht es Ihnen? Und woher…“
„Ich habe gehört, dass es Ärger in der Klinik gibt“, unterbrach sie mich, ihre Stimme war ernst. „Wegen einer jungen Ärztin. Dr. Nowak.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Wie konnte Frau Meier das wissen? Das war eine interne Angelegenheit gewesen.
„Ich wusste sofort, dass Konrad Bergmann dahintersteckt“, fuhr sie fort. „Er hat seine Finger überall.“
Ich verstand. Frau Meier hatte nicht nur eine flüchtige Bemerkung gemacht; sie war tief in die Geschichte der Bergmann-Familie und der Klinik verwickelt.
„Ich war vor 20 Jahren Konrads Sprechstundenhilfe“, enthüllte sie, ihre Stimme wurde leiser. „Ich habe Dinge gesehen, die niemand sehen sollte.“
Mein Atem stockte. Das war die Verbindung zum 20 Jahre alten Geheimnis.
„Ich habe immer geschwiegen, Frau Richter“, sagte Frau Meier, ein Hauch von Bedauern in ihrer Stimme. „Aus Angst. Konrad war damals schon sehr mächtig. Und ich war nur eine kleine Angestellte.“
„Aber ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie er immer weiter macht. Und dann die junge Ärztin, die ihre Karriere riskiert. Das ist nicht richtig.“
Ich hörte ihr zu, wie sie von einem Fall erzählte, der sich vor über zwei Jahrzehnten ereignet hatte. Es ging um einen sehr wohlhabenden Patienten, Herrn Albrecht, der an einer scheinbar unheilbaren Krankheit litt.
Konrad hatte Herrn Albrechts Familie gedrängt, medizinisch unnötigen Behandlungen zuzustimmen. Frau Meier hatte damals das Gefühl gehabt, dass es Konrad nicht um die Gesundheit des Patienten ging, sondern darum, die Erbschaft zu beeinflussen.
„Er hat die Familie unter Druck gesetzt“, erzählte Frau Meier. „Sie sollten schnell handeln, bevor es zu spät ist. Und dann tauchte eine Stiftung auf, die er selbst ins Leben gerufen hatte.“
Die Parallelen zu den Fällen, die Clara gefunden hatte, und zu dem, was Konrad mit mir versuchte, waren erschütternd. Die „Stiftung“ tauchte wieder auf.
„Ich habe damals einen Ordner gesehen, Frau Richter“, sagte Frau Meier. „Ein grüner Ordner. Konrad hat ihn immer in seinem verschlossenen Schrank aufbewahrt. Es waren spezielle Dokumente darin. Ich weiß nicht mehr genau, was, aber er war immer sehr geheimnisvoll damit.“
Ein versteckter Ordner. Das klang nach dem, was wir brauchten. Ein konkreter Ort für die Beweise.
„Können Sie mir helfen, Frau Meier?“, fragte ich, meine Stimme war flehend. „Wir brauchen konkrete Beweise.“
Frau Meier zögerte. „Es ist lange her. Und ich bin alt. Ich habe Angst.“
„Ich verstehe das“, sagte ich. „Aber Sie sind die einzige, die uns jetzt wirklich helfen kann. Clara Nowak riskiert ihre Karriere für die Wahrheit.“
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