Chapter 11: Anettes Gewissen

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Am Abend kam Clara von einem erneuten Besuch bei Anette zurück. Ihre Miene war noch besorgter als sonst, ihre Stirn lag in tiefen Falten. Sie setzte sich schwerfällig auf das Sofa und seufzte laut.

„Wie geht es Tante Anette?“, fragte ich, meine Stimme war so ruhig wie möglich. Ich wähnte mich bereits in Gedanken bei den Schließfachdokumenten.

Clara schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, Lena. Sie ist… sehr verwirrt. Sie redet die ganze Zeit wirres Zeug.“

Ich beugte mich vor, meine Aufmerksamkeit war sofort geweckt. „Wirres Zeug? Was hat sie gesagt?“

„Sie hat immer wieder von ‚Schlafmittel‘ und ‚Markus’ schlechten Träumen‘ gesprochen“, erzählte Clara, ihre Stimme klang müde. „Und davon, wie sie Markus doch nur ‚helfen‘ wollte, ein wichtiges Meeting zu verpassen.“

Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Das war es. Markus hatte Anette nicht nur die Substanz gegeben, sondern ihr auch eine Geschichte eingeflüstert, um ihr Gewissen zu beruhigen. Eine Geschichte, die sie jetzt wiederholte.

„Sie sagte, Markus hätte ihr das Fläschchen gegeben und gesagt, es sei ein starkes Schlafmittel für seine ‚stressbedingte Schlaflosigkeit‘“, fuhr Clara fort. „Er hätte sie gebeten, es ihm in seinen abendlichen Tee zu mischen, falls er sich weigere, vor einem wichtigen, geschäftlichen Meeting ins Bett zu gehen.“

Diese Informationen waren entscheidend. Markus hatte Anette eine perfide Verdrehung der Wahrheit präsentiert. Er hatte ihre Sorge um seine angebliche „Gesundheit“ und ihre anfängliche Eifersucht ausgenutzt, um sie zu seiner unwissenden Komplizin zu machen.

„Sie dachte, sie helfe ihm nur, eine peinliche Situation zu vermeiden“, sagte Clara traurig. „Sie hat sich so schuldig gefühlt, dass sie ihm zu viel gegeben hat. Arme Anette.“

Clara interpretierte dies als Anettes Schuldgefühle und psychische Instabilität. Doch ich erkannte die Wahrheit: Anette war ein Opfer von Markus’ psychologischer Manipulation. Er hatte ihr die Information über die angebliche „Wirkung“ des Medikaments eingetrichtert.

Sie glaubte wirklich, sie hätte Markus nur „zum Schlafen gebracht“, um ihm zu helfen. Sie hatte keine Ahnung von dem Xylazin-Hydrochlorid, von den Schulden bei „Der Schatten“, von der Intrige gegen Herrn König.

Diese persönliche Grausamkeit meines Vaters war abscheulich. Er hatte Anettes Empathie und ihre kleinen Rachegelüste schamlos ausgenutzt, um sie zu seinem Werkzeug zu machen. Er hatte sie mit einer Geschichte gefüttert, die sie beruhigen und ihn schützen sollte.

„Und sie spricht von nichts anderem?“, fragte ich, um sicherzustellen, dass ich keine Details verpasste.

Clara schüttelte den Kopf. „Nein. Nur immer wieder diese Geschichte. Sie ist wirklich sehr verwirrt. Die Ärzte meinen, es sei eine Mischung aus Schock und Schuldgefühlen.“

Ich wusste, dass ich jetzt handeln musste. Anette brauchte die Wahrheit. Sie musste verstehen, wie skrupellos sie manipuliert worden war, bevor sie sich in ihren Schuldgefühlen verlor.

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