Mein Herz pochte, als ich zum Rosengarten von Haus Ehrenstein fuhr. Die Dämmerung setzte bereits ein, und die Schatten der Bäume tanzten gespenstisch im Wind.
Jens hatte eine flache Stelle im Boden hinter den verwilderten Rosenbüschen gewählt. Mit meinen bloßen Händen grub ich in der kalten Erde, meine Finger wurden schnell schmutzig und kalt.
Nach wenigen Minuten spürte ich etwas Hartes. Ich zog es hervor.
Es war mein kleines Silberamulett, schmutzig und zerbrochen, genau wie Herr Gruber es beschrieben hatte. Das Ehrenstein-Wappen war noch zu erkennen, aber es war verbeult und zerkratzt.
Ich hielt es in meiner Hand, meine Finger strichen über das kalte Metall. Sofort spürte ich eine leichte Vibration, die von dem Amulett ausging.
Ich setzte mich auf eine alte Gartenbank, die im Rosengarten stand. Das Amulett vibrierte stärker in meiner Hand.
Ich dachte an die Klausel, an die „Essenz des Blutes“, an die „Darbringung der Tochter“. Dieses Amulett war ein Symbol meiner Verbindung zum Haus, ein physischer Anker.
Es war mir als Kind zum Schutz geschenkt worden, um meine spirituelle Energie zu kanalisieren und zu schützen. Meine Großmutter hatte es mir gegeben und gesagt: „Lena, dieses Amulett wird dich immer an deine Wurzeln erinnern, aber es wird dich auch vor dem bewahren, was du nicht verstehst.“
Ich erinnerte mich an die Sage, die ich in den Archiven gelesen hatte, über „Seelenbindung“ durch das Blut einer weiblichen Linie. Die Amulette wurden oft mit einem Tropfen Blut der Trägerin geweiht, um ihre Seele mit dem Schutzsiegel zu verbinden. Ich hatte mir als Kind einmal am Finger geschnitten, als ich das Amulett anzog, und ein kleiner Blutfleck hatte sich in die Gravur gesaugt. Es war ein Zufall, aber er hatte eine tiefere Bedeutung.
Plötzlich begann das Amulett hell zu leuchten. Ein leises, wehmütiges Flüstern erfüllte die Luft, so klar, als würde jemand direkt neben mir stehen.
„Elisabeth… Elisabeth…“
Es war eine weibliche Stimme, voller Sehnsucht und Schmerz. Sie rief ihren eigenen Namen.
Ich zitterte, aber ich rührte mich nicht. Ich hielt das Amulett fest in meiner Hand.
Es war eine direkte Verbindung. Der Geist von Elisabeth von Ehrenstein war hier, präsent und real.
Die Vibrationen des Amuletts pulsierten in meiner Hand, synchron mit meinem Herzschlag. Es war eine Brücke zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.
Ich erkannte, dass das Amulett nicht nur ein Schutzsiegel war, sondern auch ein Kommunikationsmittel. Es hatte meine Energie aufgenommen, meine Essenz.
Helga hatte versucht, das Haus zu besänftigen, indem sie meine „Essenz“ – mein Amulett – zurückgab. Aber sie hatte es getan, um ihre eigenen Ängste zu lindern, nicht um den Pakt wirklich zu erfüllen.
Sie hatte unwissentlich einen direkten Kanal zu mir geschaffen, einen Kanal, durch den Elisabeths Geist mich erreichen konnte. Sie hatte die „Darbringung“ in Gang gesetzt, aber auf eine Weise, die uns alle gefährdete.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf das Flüstern. Die Stimme wurde deutlicher, fast wie ein Gedanke in meinem Kopf.
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