Zwei Tage später traf ich Eva erneut. Sie hatte Neuigkeiten.
„Ich habe im Archiv weitergegraben, Lena“, sagte sie, als wir uns in einem ruhigen Café zusammensetzten. „Und ich bin auf etwas Interessantes gestoßen.“
Sie schob mir eine vergilbte Kopie eines Zeitungsartikels zu. Die Schlagzeile lautete: „Seltsame Vorkommnisse in Haus Ehrenstein: Junge Frau spurlos verschwunden!“
„Der Artikel stammt aus dem Jahr 1903“, erklärte Eva. „Er berichtet von einer Reihe bizarrer Vorfälle in Ihrem Haus, die mit dem plötzlichen und unerklärlichen Verschwinden einer jungen Frau, einer Verwandten von Elisabeth, zusammenhängen.“
Ich las den Artikel, mein Herz klopfte. Die Details waren vage, aber beunruhigend.
Die junge Frau, eine Cousine namens Clara von Ehrenstein, war zu Besuch im Haus gewesen. Eines Morgens war sie spurlos verschwunden.
Die Polizei hatte das Haus durchsucht, aber keine Spur gefunden. Die Bewohner sprachen von unheimlichen Geräuschen und Schatten, die sich bewegten.
„In dem Artikel wird von einem ,geheimen Pakt des Blutes‘ gesprochen, der das Haus schützt, aber auch Opfer fordert“, fuhr Eva fort. „Das klingt vertraut, nicht wahr?“
Ich nickte. Es war die gleiche Sprache, die ich in der Ehrenstein-Klausel und in Elisabeths Tagebucheinträgen gefunden hatte.
„Das Verschwinden der jungen Frau wurde nie aufgeklärt“, sagte Eva. „Man sprach von einer Entführung, aber es gab keine Anhaltspunkte. Nur Gerüchte über das ,verfluchte Haus‘.“
Ich dachte an die „Darbringung der Tochter des Hauses“. War Clara ein solches „Opfer“ gewesen?
„Der Artikel spekuliert, dass Clara von Ehrenstein vielleicht von den ,Geistern des Hauses‘ geholt wurde“, sagte Eva leise. „Die Menschen in der Umgebung waren damals sehr abergläubisch.“
Ich schüttelte den Kopf. „Es ist mehr als Aberglaube, Eva. Ich habe den Geist von Elisabeth von Ehrenstein erlebt. Sie ist real.“
Ich erzählte ihr von dem Amulett, das Jens vergraben hatte, und von dem Flüstern, das ich gehört hatte. Eva hörte aufmerksam zu, ihre Augen waren weit.
„Ein Schutzsiegel, das zum Kommunikationsmittel wird“, murmelte sie. „Das ist faszinierend.“
„Und es ist zerbrochen“, sagte ich. „Genau wie der Pakt. Und die Verbindung zwischen unserer Familie und dem Haus.“
„Lena, das ist der Beweis, den wir brauchen“, sagte Eva. „Der Beweis, dass sich die Geschichte wiederholt. Die Ereignisse von 1903 sind eine direkte Parallele zu dem, was jetzt geschieht.“
Der Artikel war ein weiteres Puzzleteil, das die übernatürlichen Aspekte des Hauses bestätigte. Es war keine isolierte Episode, sondern ein wiederkehrendes Muster.
Ich erinnerte mich an die alte, abgerissene Puppe, die Clara als Kind besessen hatte, von der im Artikel in einem Nebensatz die Rede war. Die Puppe war angeblich spurlos verschwunden, als Clara verschwand, und wurde als kleiner, aber herzzerreißender Verlust für die Familie beschrieben, der die Trauer um Clara noch verstärkte. Das war ein persönlicher, mundaner Verlust, der zeigte, wie das Haus nicht nur Menschen, sondern auch deren persönliche Bindungen verschlingen konnte.
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