Die Fahrt zum Krankenhaus verlief in völliger Stille. Mama saß neben mir, starrte ins Leere, ihre Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Ich spürte ihre Verzweiflung, aber auch eine neue, eisige Härte in ihrer Haltung.
Wir erreichten Anettes Zimmer. Clara klopfte, ihre Stimme war ungewohnt scharf. „Anette? Wir müssen mit dir reden.“
Anette saß in ihrem Bett, sah uns überrascht an. Ihr Gesicht war immer noch blass, aber in ihren Augen lag eine tiefe Müdigkeit. „Clara? Lena? Ist alles in Ordnung?“
Clara trat vor das Bett, ihre Hände zitterten, als sie die gesammelten Beweise auf den Nachttisch legte. Den Notizblock, die Quittung, die E-Mails, das Foto. Es war ein Berg von Lügen, der sich vor Anettes Augen auftürmte.
„Nein, Anette, nichts ist in Ordnung“, sagte Clara, ihre Stimme bebte. „Du hast uns nicht die ganze Wahrheit erzählt. Markus hat dich benutzt. Er hat uns alle benutzt.“
Anettes Blick huschte über die Dokumente. Ihr Gesicht verlor jede Farbe. Sie nahm die Quittung in die Hand, ihre Augen weiteten sich, als sie den Namen der Substanz las: Xylazin-Hydrochlorid.
„Das… das ist nicht der Schlaf-Tee“, flüsterte sie, ihre Stimme war kaum zu hören. „Markus sagte, es sei ein starkes Schlafmittel. Für seine stressbedingte Schlaflosigkeit.“
Ich trat vor und legte ihr das Foto mit der Widmung vor. „‚Für meine beste Komplizin, auch wenn du es noch nicht weißt.‘ Er hat dich manipuliert, Anette. Seit Jahren. Er hat deine Gefühle ausgenutzt.“
Anette sah mich an, ihre Augen waren von einem tiefen Schmerz erfüllt. Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht. Die Lügen, die Markus ihr eingeflüstert hatte, zerbrachen vor ihren Augen.
„Er hat mir das Fläschchen gegeben“, gestand Anette, ihre Stimme brach. „Er sagte, ich solle es ihm in den Tee mischen, wenn er sich weigert, vor einem wichtigen Meeting ins Bett zu gehen. Er fürchtete, ein großes Geschäft zu verpassen.“
Tränen strömten über ihr Gesicht. „Ich dachte, ich helfe ihm nur, eine peinliche Situation zu vermeiden. Eine kleine Rache für die Boutique. Ich wusste nicht, dass…“
Sie brach zusammen, ihre Schultern zuckten. Sie schluchzte unkontrolliert, ihre Hände vergruben sich in ihrem Gesicht. Der Schmerz und die Reue waren überwältigend.
Clara nahm Anette in den Arm, ihre eigene Trauer mischte sich mit dem Entsetzen über Markus’ Verrat. „Oh, Anette. Es tut mir so leid.“
„Er sagte, ich solle vorsichtig sein“, murmelte Anette zwischen ihren Schluchzern. „Nur eine kleine Menge. Und dass Lena dann die Polizei rufen würde, weil er nicht aufwacht.“
Meine Augen weiteten sich. Das war die fehlende Verbindung. Markus hatte Anette angewiesen, eine bestimmte Menge zu verabreichen, die ihn zwar außer Gefecht setzte, aber nicht tötete. Und er hatte meine Anwesenheit bewusst einkalkuliert, damit ich als Erste die Polizei rufen würde.
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