Mit Anettes schriftlichem Geständnis in meiner Hand war ich noch nicht fertig. Ich wusste, dass die offizielle Strafverfolgung Markus’ tiefere Verbindungen zur Unterwelt niemals aufdecken würde. Die Polizei hatte den Fall bereits als „vorsätzliche Körperverletzung“ abgeschlossen und Markus als Opfer behandelt.
Ich musste tiefer graben, um Markus dort zu treffen, wo es ihm am meisten wehtat – bei seinen wahren Gläubigern. Ich erinnerte mich an den kodierten Notizblock und die Namen der dubiosen Kontakte. „Der Schatten“, ein Name, der mir immer wieder begegnete.
Ich ging zurück nach Hause und direkt in Papas Arbeitszimmer. Ich musste das Mobiltelefon finden, das er für seine illegalen Geschäfte benutzte. Es musste ein altes Handy sein, nicht sein aktuelles, das die Polizei vielleicht schon durchsucht hatte.
Ich suchte in Schubladen, unter Dokumenten, in alten Jackentaschen, die noch im Schrank hingen. Schließlich fand ich es. Ein altes, einfaches Mobiltelefon, versteckt in einem Geheimfach seines Schreibtisches, unter einer losen Bodenplatte. Es war ein Prepaid-Handy, das kaum Spuren hinterließ.
Ich schaltete es ein. Der Bildschirm leuchtete auf, alte Nachrichten erschienen. Die meisten waren verschlüsselt, oder von unbekannten Nummern. Ich scrollte durch die Nachrichten, mein Herz pochte vor Aufregung.
Und da war sie. Eine letzte, panische Nachricht von einer Nummer, die ich im Notizblock als „Schatten_Kontakt_01“ identifiziert hatte.
Die Nachricht war kurz, prägnant und voller Drohungen.
„Frist abgelaufen. 2 Mio EUR. Heute 17 Uhr. Nichts? Dann sind Sie weg. Für immer. – Der Schatten.“
Mein Atem stockte. Die Frist. „Heute 17 Uhr.“ Ich überprüfte das Datum und die Uhrzeit der Nachricht. Sie war gesendet worden *am Tag vor* dem Vorfall in unserem Wohnzimmer.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitzschlag, der alles in meinem Kopf erhellte. Der wahre, verzweifelte Plan meines Vaters enthüllte sich in seiner ganzen kalten Grausamkeit.
Er hatte den „Angriff“ nicht nur inszeniert, um Herrn König zu belasten oder Sympathie zu gewinnen. Er hatte ihn inszeniert, um seine eigene Entführung oder sein Verschwinden zu fälschen.
Er wollte der Rache der Unterwelt entgehen. Er hatte seine eigene Familie als Kulisse für sein Verschwinden benutzt.
Anette sollte als Sündenbock dienen, die für den „Angriff“ auf ihn verantwortlich war. Und ich, seine zehnjährige Tochter, sollte als tragisches Kollateralopfer dienen, um die maximale Ablenkung für die Polizei zu erzeugen.
Die Nachricht von „Der Schatten“ war das Ultimatum. Markus wusste, dass seine Zeit abgelaufen war. Er hatte keinen anderen Ausweg gesehen, als seine eigene Familie in Gefahr zu bringen, um sich selbst zu retten.
+ There are no comments
Add yours