Die Nachricht von der bevorstehenden Zwangsversteigerung des Hauses Ehrenstein hatte die Familie in einen Zustand der panischen Verzweiflung versetzt. Die Frist der Bank lief in zwei Wochen ab, und es schien keinen Ausweg zu geben.
Helga rief mich ununterbrochen an, ihre Stimme war nun nicht mehr wütend, sondern flehend. „Lena, bitte! Du musst die Zahlungen wieder aufnehmen! Wir verlieren alles!“
Sie hatte mich zu Hause besucht und sich auf dem Sofa niedergelassen, die Hände vor dem Gesicht, ihre Schultern zuckten. Ihre Tränen waren echt, ihre Angst war nun greifbar.
„Das Haus ist verflucht!“, schluchzte sie. „Elisabeths Geist wird uns alle holen! Das ist alles deine Schuld, Lena!“
Obwohl ihre Angst real war, versuchte sie immer noch, die Schuld auf mich abzuwälzen. Sie konnte die Wahrheit der Ehrenstein-Klausel und des Paktes nicht akzeptieren.
Ich hatte ihr versucht, die Tagebucheinträge von Elisabeth zu erklären, aber sie hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Alte Märchen. Ich habe genug von deinen Büchern.“
Sie weigerte sich, die spirituellen Implikationen zu verstehen. Für sie war es immer noch ein finanzielles Problem, das ich lösen sollte.
„Lena, bitte“, bettelte sie. „Ich werde alles tun. Ich werde alte Familienerbstücke verkaufen, um die Bank zu bezahlen. Aber du musst auch deinen Teil beitragen.“
Ich spürte eine tiefe Frustration in mir. Sie war bereit, wertvolle Familienerbstücke zu verkaufen, um ihre soziale Fassade aufrechtzuerhalten, aber sie war nicht bereit, sich der Wahrheit zu stellen.
Ich wusste, dass der Verkauf der Erbstücke das Problem nur verschlimmern würde. Die Klausel sprach von „Loyalität zum Blut“ und dem Erhalt des „Vermächtnisses der Ahnen“.
Der Verkauf von Familienerbstücken, die von Generationen von Ehrensteins bewahrt worden waren, wäre ein weiterer Bruch des Paktes. Es wäre eine weitere Ablehnung des Hauses.
Ich erinnerte mich an eine spezifische Bestimmung in Elisabeths Tagebuch, die von der Entweihung des Hauses durch den Verkauf von Andenken sprach. Jedes verkaufte Stück würde einen „Schatten“ auf das Haus werfen und seine Schutzbarrieren weiter schwächen. Eines der erwähnten Stücke war eine kleine, handgeschnitzte Madonna aus Eibenholz, die im Esszimmer stand. Meine Großmutter hatte sie mir als Kind als „Hüterin der Familiengeschichten“ beschrieben. Ihre Veräußerung wäre nicht nur ein finanzieller Akt, sondern eine Entweihung.
Jens war hin- und hergerissen. Er war von Helgas Panik angesteckt, aber er sah auch die Verzweiflung in meinen Augen.
„Mama, vielleicht sollten wir Lena zuhören“, sagte er zaghaft. „Vielleicht gibt es wirklich mehr als nur die Bank.“
Helga schnaubte wütend. „Du bist genauso naiv wie deine Schwester, Jens! Alte Geschichten! Wir brauchen echtes Geld, keine Geister!“
Sie hatte Jens auch dazu gebracht, nach alten Schmuckstücken zu suchen, die sie verkaufen konnte. Er hatte sich geweigert, einige der besonders sentimentalen Stücke zu nehmen, die meine Großmutter geliebt hatte.
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