Chapter 2: Der Notar und Mias Erinnerung

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Mias Genesung verlief langsam. Ihr kleiner Körper kämpfte sich mühsam zurück ins Leben. Ich saß stundenlang an ihrem Krankenhausbett, meine Hand hielt ihre winzige, warme. Ihr Fieber war zurückgegangen, aber ihre Augen waren noch trüb und blickten mich oft fragend an. Die Erinnerung an die leeren Tablettenflaschen nagte an mir. Dr. Meier versicherte mir, dass Mia das Schlimmste überstanden hatte, aber er sprach auch von einer möglichen Nachwirkung.

“Sie hat eine hohe Dosis Beruhigungsmittel erwischt, Herr Richter”, sagte er mir mit ernster Miene. “Glücklicherweise war es kein tödliches Ausmaß, aber das Trauma ist real.”

Ich konnte diese Worte kaum ertragen. Mein Blick fiel auf Mias friedliches Gesicht, während sie schlief. Sie atmete ruhig, aber die Angst saß tief in mir. Als sie eines Nachmittags wach war und ein bisschen Brei aß, fragte ich sie vorsichtig.

“Mia, Schatz”, begann ich, ihre Hand streichelnd.

“Erinnerst du dich noch, was passiert ist?”

Sie nickte langsam, ihre Augen füllten sich mit Tränen.

“Papa war böse”, flüsterte sie.

“Er hat mir ‘besondere Süßigkeiten’ gegeben.”

Mein Herz zog sich zusammen. Besondere Süßigkeiten. Das deckte sich mit den Beruhigungsmitteln.

“Und dann?”, fragte ich behutsam.

Sie zögerte, blickte zum Fenster.

“Dann war ich so müde”, murmelte sie.

“Aber vorher… vorher hat Papa etwas im Schrank versteckt.”

Ich lehnte mich vor.

“Im Kleiderschrank?”, fragte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Hauch.

“Was hat er versteckt?”

Mia rieb sich die Augen.

“Wichtige Papiere”, sagte sie.

“In einem Geheimfach.”

Ein Geheimfach. Das entsprach meinem Verdacht. Thomas hatte nicht nur fahrlässig gehandelt, sondern gezielt etwas verheimlicht. Die Worte auf dem zweiten Zettel hallten in meinem Kopf wider: „Glaub ihr nicht, wenn sie etwas über den Kleiderschrank sagt.“ Das war kein Zufall. Das war Planung.

Ich verabschiedete mich von Mia, versprach, bald wiederzukommen. Meine Gedanken rasten. Diese “wichtigen Papiere” und Notar Schmidt. Er hatte Helgas Nachlass bearbeitet. Wenn Thomas dort etwas manipuliert hatte, musste Schmidt davon wissen oder beteiligt gewesen sein.

Ich fuhr direkt zu seinem Büro im Zentrum der Kleinstadt. Notar Herr Schmidt war ein Mann mittleren Alters, stets adrett gekleidet, mit einem Lächeln, das nie ganz seine Augen erreichte. Sein Büro roch nach alten Büchern und Formalitäten.

Er erhob sich, als ich eintrat.

“Herr Richter”, sagte er, seine Stimme geschmeidig.

“Eine Überraschung. Wie geht es Ihnen in dieser schweren Zeit?”

Er sprach von Helgas Tod. Ich nickte knapp. Ich hatte keine Zeit für Höflichkeiten.

Ich setzte mich ihm gegenüber.

“Herr Schmidt, ich habe einige dringende Fragen bezüglich Helgas Erbe und den Dokumenten”, begann ich.

Er verschränkte die Hände auf seinem Schreibtisch.

“Oh, ist alles in Ordnung? Es wurden alle Formalitäten fristgerecht erledigt. Der Nachlass wurde gemäß Helgas Testament und den gesetzlichen Bestimmungen aufgeteilt. Ihre Frau hat alles sehr klar festgelegt.”

“Mia hat etwas gesehen”, sagte ich direkt, ohne Umschweife.

“Sie erinnert sich, wie Thomas wichtige Papiere versteckt hat, kurz bevor sie krank wurde. Papiere, die mit dem Erbe zu tun haben könnten.”

Schmidts Lächeln erstarrte kurz. Nur für den Bruchteil einer Sekunde.

“Ach, die kleine Mia”, sagte er dann, seine Stimme klang besorgt, aber seine Augen blieben kalt.

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