Der Morgen nach Markus’ aggressiver Nachricht traf mich wie ein kalter Schlag. Ich saß mit Anja in ihrer kleinen Küche, starrte auf mein Handy, dessen Display die hasserfüllten Worte meines Verlobten noch immer zeigte. Anja hatte mir das Handy aus der Hand genommen und es ausgeschaltet, doch die Drohung schwebte im Raum.
„Das reicht jetzt, Lena“, sagte Anja, ihre Stimme fest, als sie das Telefon auf den Tisch legte.
Ihre Augen trafen meine, und ich sah in ihnen eine Entschlossenheit, die ich selbst nicht aufbringen konnte. Ich fühlte mich taub und verloren, die Ereignisse der letzten Stunden hatten mich überrollt.
„Wir müssen professionelle Hilfe holen.“
Ich schüttelte den Kopf, meine Kehle war wie zugeschnürt. Der Gedanke, unsere private Schande vor Fremden auszubreiten, war unerträglich. Ich war siebzehn, schwanger und hatte gerade herausgefunden, dass mein Verlobter mich nur benutzt hatte.
„Das kann ich nicht“, flüsterte ich.
Anja zog einen Zettel von der Pinnwand neben dem Kühlschrank, einen bunten Aushang mit der Aufschrift „Jugend- und Familienrecht“. Sie hatte ihn vor Wochen dort befestigt, nachdem sie bei einem Stadtfest an einem Informationsstand vorbeigekommen war. Damals hatte es sich wie eine belanglose Geste angefühlt.
„Frau Dr. Eva Lorenz“, las Anja vor, ihre Finger fuhren über den Namen.
„Sie ist spezialisiert auf Fälle wie deinen. Und sie ist Anwältin, Lena, keine Therapeutin. Es geht um deine Rechte und die deines Kindes.“
Der Gedanke an rechtliche Schritte war beängstigend. Ich hatte mir nie vorgestellt, in eine solche Situation zu geraten, in der mein Leben nicht nur durch eine ungeplante Schwangerschaft, sondern auch durch einen ausgewachsenen Betrug in Trümmern lag. Mein Traum von einem sicheren Zuhause, einer Familie, zerfiel vor meinen Augen.
Anja sah mein Zögern.
Sie wusste, wie wichtig mir dieses Ideal gewesen war, die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die Markus so geschickt vorgetäuscht hatte. Dieses Tagebuch, mit seinen kalten, kalkulierten Plänen, hatte nicht nur meine Beziehung zerstört, sondern auch meine naive Sicht auf die Welt.
„Wir gehen nur hin und reden. Das ist alles“, versprach Anja, ihre Hand fest auf meinem Arm.
Es war die einzige Wahl, die ich noch zu haben schien, also nickte ich langsam. Der Weg zur Kanzlei von Frau Dr. Lorenz führte durch die Frankfurter Innenstadt, vorbei an hohen Glasfassaden und geschäftigen Menschen. Ich fühlte mich wie ein Geist, unsichtbar und doch von einer inneren Unruhe geplagt.
Die Kanzlei lag in einem älteren, aber gut gepflegten Gebäude. Das Wartezimmer war schlicht und funktional, kein Schnickschnack, keine unnötige Pracht. Eine junge Frau am Empfang bat uns, Platz zu nehmen. Wenige Minuten später öffnete sich eine Tür, und eine Frau mit streng zurückgebundenen Haaren und einem freundlichen, aber ernsten Gesichtsausdruck trat heraus.
+ There are no comments
Add yours