Ich saß am massiven Eichentisch in meinem Büro, das Licht der späten Nachmittagssonne fiel durch die hohen Fenster und zeichnete lange Schatten auf den Teppich. Vor mir lag das Dokument, das über mein Imperium, meine Stiftung und meine Zukunft entscheiden sollte, und es war mit den Zeichnungen eines Kindes bedeckt.
Mias bunte Kritzeleien, Blumen und kleine Gesichter, wirkten auf den ersten Blick wie ein zufälliges Chaos. Doch als ich das Papier näher an mein Gesicht hielt, stockte mir der Atem.
Die hellblaue Blume, deren Stiel sich wie eine ungeschickte Linie über die Seite zog, lag präzise über der ersten Zeile der berüchtigten Klausel. Ein kleiner, roter Kringel markierte genau die Stelle, an der Lorenz Kiesel die Kündigung begründete. Es war, als hätte die Fünfjährige instinktiv gespürt, welche Zeilen ich unbedingt schützen musste.
Ein kleiner Fleck, ein alter Kaffeefleck, den ich jahrelang an der Ecke dieses speziellen Vertragsabschnitts gekannt hatte, war nun unter einem grellen orangefarbenen Strich verschwunden. Dieser Fleck war für mich immer ein stilles, vertrautes Zeichen der Authentizität gewesen, fast wie ein ungeschriebenes Siegel. Jetzt war er fort, überdeckt von kindlicher Unschuld.
Ich spürte eine Welle der Frustration in mir aufsteigen. Dieses Dokument war meine einzige physische Kopie des ursprünglichen Mietvertrags. Es war ein heiliges Relikt meiner Stiftung, das nun in meinen Augen entweiht schien.
Gleichzeitig durchzuckte mich ein eigenartiges Gefühl. Die Zeichnungen überdeckten nicht nur die Klausel, sie schützten sie irgendwie auch.
Es war eine bizarre Mischung aus Wut und einer fast mystischen Neugier. Konnte es sein, dass in dieser unschuldigen Tat eine verborgene Bedeutung lag?
Ich griff nach meinem Telefon und wählte Dr. Schmidts Nummer. Meine Finger zitterten leicht.
Er hob fast sofort ab, seine Stimme klang besorgt.
“Elias? Gibt es Neuigkeiten?”
“Schmidt”, sagte ich, meine Stimme war rau. “Ich habe das Original des Mietvertrags gefunden. Oder zumindest das, was davon übrig ist.”
Eine kurze Stille am anderen Ende der Leitung.
“Was meinen Sie mit ‘was davon übrig ist’?”
Ich zögerte. Wie sollte ich das erklären?
“Mia hat darauf gemalt”, sagte ich schließlich. “Bunte Blumen, kleine Gesichter. Direkt über der fraglichen Klausel.”
Wieder eine Pause, diesmal länger, gefolgt von einem leisen Seufzer, der fast wie ein Stöhnen klang.
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