Ich starrte auf den kleinen, metallenen Schlüssel in meiner Hand, während Jannis Becker, mein alter Freund und IT-Spezialist, über meinem Laptop gebeugt saß.
„Das ist kein normaler Schlüssel, Luisa“, sagte er mit einem Stirnrunzeln.
„Sieht aus wie ein Universalschlüssel für irgendein altes Serverschloss“, murmelte ich, während ich ihn drehte.
„Könnte auch eine Chiffre sein“, sagte Jannis. „Die Gravur ist zu komplex für ein einfaches Logo.“
Wir hatten Stunden in meinem kleinen Büro im Architekturbüro verbracht. Erst durchforsteten wir Professor Richters alten Arbeitsbereich, jeden Winkel, jede Schublade. Nichts Auffälliges. Keine versteckten Fächer, keine doppelten Böden. Nur die üblichen Unterlagen, Entwürfe und Fachbücher. Eine frustrierende Leere, die meine anfängliche Hoffnung langsam zerfraß.
Ich fühlte mich wie in einem Film, in dem der Held den entscheidenden Hinweis direkt vor Augen hat, ihn aber nicht sieht. Jannis hatte sich meine anfängliche Aufregung anhören müssen, meine wilde Theorie über ein geheimes Vermächtnis. Er war geduldig, aber seine Skepsis war spürbar.
„Er hat immer alte Systeme geliebt“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu Jannis.
„Richter? Ja, er war eine Legende in der Branche. Seine proprietäre CAD-Software war vor dreißig Jahren revolutionär“, erwiderte Jannis, ohne aufzublicken, während seine Finger über die Tastatur tanzten.
Das war es. Richters Obsession mit seinen eigenen, oft veralteten, aber genialen Schöpfungen. Der Schlüssel fühlte sich nicht wie eine Tür an, sondern wie ein Code. Ich erinnerte mich an Richters alte Büroeinrichtung, die er nie geändert hatte. Die Art, wie er sich an Details klammerte.
„Die Silhouette in seinem Porträt“, flüsterte ich plötzlich.
Jannis hob den Blick. „Was für eine Silhouette?“
„Das Porträt von Professor Richter im Foyer“, erklärte ich hastig. „Da ist immer so eine diffuse Gebäudesilhouette im Hintergrund. Ich habe nie wirklich darauf geachtet, dachte, es wäre nur eine abstrakte Andeutung der Stadt.“
Ich stand auf, mein Herz pochte. „Aber was, wenn es kein Gebäude ist? Was, wenn es… eine Maschine ist?“
Jannis sah mich fragend an. „Luisa, das ist eine abstrakte Kunst.“
„Oder es ist nicht abstrakt genug“, entgegnete ich. „Es ist so, wie er seine Geheimnisse immer versteckt hat. Direkt vor aller Augen, aber so getarnt, dass es nur jemand erkennt, der seine Denkweise kennt.“
Die Idee schoss mir durch den Kopf wie ein Blitz. Richters Eigenheiten. Seine subtilen Hinweise, die er nur seinen engsten Mitarbeitern gab. Seine Art, komplexe Probleme mit unerwartet einfachen, aber schwer zu findenden Lösungen zu versehe. Er liebte es, wenn man über den Tellerrand blickte. Und ich hatte so lange nur das Offensichtliche gesehen.
Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg zum Foyer. Es war spät, das Büro war fast leer. Nur der Nachtwächter huschte irgendwo durch die Gänge. Die riesige Eingangshalle war kühl und still. Richters Porträt hing prominent an der Wand, in Öl gemalt, seine Augen blickten mit einer Mischung aus Weisheit und leichtem Schalk auf uns herab.
Ich trat näher heran, mein Blick fixierte die scheinbar zufällige Ansammlung von Linien und Formen im Hintergrund, die das Stadtbild andeuten sollten. Jannis stand neben mir, seine Arme verschränkt.
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