Ich schloss die Tür meines kleinen Apartments hinter Leo und mir, die Gedanken rasten in meinem Kopf. Leos unbeschwerte Energie, als er sofort zu seinen Spielsachen lief, stand in krassem Gegensatz zu dem Sturm, der in mir tobte. Der kalte Schatten von Konrads Lächeln und die flüsternden Worte seiner Kinder hallten immer noch nach.
Meine Hände zitterten leicht, als ich meine Tasche auf den Küchentisch stellte. Jedes Wort, das ich zwischen Stefan und Katharina belauscht hatte – die „medizinische Lüge“, das 20 Jahre alte Geheimnis – drehte sich wie ein Mahlstrom in meinem Kopf.
Konrads insistierender Blick, seine vermeintliche Gebrechlichkeit und die Forderung nach meiner Unterschrift fühlten sich jetzt wie eine perfekt inszenierte Falle an. Das Schweigen in der Wohnung war erdrückend, gefüllt mit unbeantworteten Fragen.
Gerade als ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, vibrierte mein Handy in meiner Hosentasche. Eine unbekannte Nummer. Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Ich zögerte einen Moment, dann drückte ich auf Annehmen.
„Lena Richter?“, fragte eine ruhige, professionelle Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.
„Ja, wer ist da?“, fragte ich, meine Stimme war heiserer, als ich erwartet hatte.
„Mein Name ist Dr. Clara Nowak. Ich bin Oberärztin in der Bergmann-Klinik. Ich kann verstehen, wenn das jetzt ein Schock für Sie ist.“
Ich spürte, wie sich meine Finger fester um das Telefon krampften. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Die Bergmann-Klinik. Das war Konrads altes Reich.
„Wie… wie haben Sie meine Nummer?“, fragte ich misstrauisch.
„Ich kannte Ihren Mann, Herrn Richter, beruflich“, erwiderte sie ruhig. „Er war ein hochgeschätzter Kollege. Und ich habe gehört, was in der Familie Bergmann gerade vor sich geht.“
Ihre Stimme war ernst, ohne jegliche Heiterkeit.
„Es geht um Herrn Bergmann, Konrad“, fuhr sie fort. „Sein Ruf hat in den letzten Jahren sehr gelitten. Es gibt… Gerüchte.“
Ich lehnte mich gegen die kalte Küchenarbeitsplatte. Gerüchte. Das klang gefährlich.
„Was für Gerüchte?“, flüsterte ich.
Clara zögerte kurz. „Sein Führungsstil war schon immer autoritär. Aber in letzter Zeit gab es vermehrt Zweifel an einigen seiner diagnostischen Entscheidungen.“
Sie räusperte sich. „Es gab auch Fälle, in denen Kollegen, die seine Methoden hinterfragten, plötzlich in andere Abteilungen versetzt wurden.“
Eine Welle der Kälte überrollte mich. Das war keine bloße Klatschgeschichte.
„Ich kann Ihnen keine konkreten Beweise liefern“, sagte Dr. Nowak weiter, ihre Stimme wurde leiser. „Meine berufliche Ethik und meine Position in der Klinik schränken mich da stark ein.“
„Aber ich konnte nicht länger schweigen“, fuhr sie fort. „Ihr Mann war ein guter Mensch, und das, was jetzt mit seinem Erbe und Ihrem Sohn geschieht, ist nicht richtig.“
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