Ich wartete im Schatten der alten Ulme, direkt neben dem Klostergarten. Der Geruch von feuchter Erde und blühenden Rosen lag in der kühlen Abendluft, doch meine Nervosität ließ mich kaum etwas davon wahrnehmen. Jeder raschelnde Ast, jedes entfernte Geräusch ließ mein Herz schneller schlagen.
Dann sah ich ihn.
Herr Klaus Werner schlich sich aus der Seitentür der Kapelle, seine Schritte waren ungewöhnlich zögernd. Sein Blick huschte nervös über den leeren Garten, bevor er mich unter der Ulme entdeckte. Sein Gesicht war blass und von tiefen Sorgenfalten gezeichnet.
Er kam näher, seine Hände waren fest ineinander verschränkt.
“Elara”, flüsterte er, seine Stimme klang heiser und brüchig.
Ich nickte nur, um ihm zu zeigen, dass ich zuhörte und bereit war.
Herr Klaus räusperte sich leise, als würde er um die richtigen Worte ringen.
“Es ist… es ist schlimmer, als ich dachte.”
Meine Kehle zog sich zusammen.
Ich wusste, dass Herr Klaus, einer der Ältesten der Gemeinschaft, ein Mann von Prinzipien war. Seine Loyalität zu Herrn Richter war jedoch bisher unerschütterlich gewesen. Dass er mich jetzt ansprach, war an sich schon ein Schock, ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass Richters Fassade Risse zeigte.
“Was ist passiert?”, fragte ich so leise, dass meine eigene Stimme kaum ein Flüstern war.
Herr Klaus zog einen tiefen Atemzug und blickte sich erneut um, seine Augen suchten nach jeglicher Bewegung in den umliegenden Fenstern.
“Richter… er fordert immer mehr”, begann er. “Nicht nur die Heilige Stiftung. Er verlangt von uns, den Ältesten, Dokumente zu unterschreiben. Immer aggressiver, immer undurchsichtiger.”
Er sprach von “Gemeindeliegenschaften” und “Umschichtungen”, von Dingen, die er selbst nicht vollständig verstand. Er wirkte verwirrt und betrogen. Es war, als würde er ein Labyrinth beschreiben, in dem er plötzlich die Wände nicht mehr erkannte.
“Dokumente?”, fragte ich, meine Stirn runzelte sich. “Welche Art von Dokumenten?”
Herr Klaus schüttelte den Kopf, eine tiefe Verzweiflung lag in seiner Geste.
“Es sind… komplexe Verträge. Angeblich zum Wohl der Gemeinschaft, zur ‘Optimierung unserer Vermögenswerte’. Aber ich habe ein ungutes Gefühl.”
Ein persönlicher Stich traf mich, als Herr Klaus erwähnte, wie Richter bei der letzten Versammlung beiläufig einen alten, handgeschnitzten Holzvogel, ein Erbstück von Klaus’ Großvater, als “nicht essentielle weltliche Bindung” abgetan hatte, die man doch “für die Stiftung opfern” könnte. Richter hatte dabei ein Lächeln auf den Lippen gehabt, das Klaus’ Gesicht vor Scham und Wut hatte erröten lassen. Richter hatte den Vogel dann kurzerhand an sich genommen, mit der Bemerkung, er werde schon einen guten Platz dafür finden. Es war eine kleine Geste gewesen, aber sie hatte Klaus zutiefst verletzt.
“Er zwingt uns, diese Dinge abzunicken, ohne wirkliche Einsicht”, fuhr Klaus fort, seine Stimme wurde lauter, bevor er sie sofort wieder dämpfte. “Er benutzt seinen Einfluss, seinen ‘göttlichen Auftrag’, um jeden Zweifel im Keim zu ersticken.”
Ich verstand, dass die Dokumente nur die Spitze des Eisbergs sein konnten. Richters Gier kannte offenbar keine Grenzen.
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