Die Anrufe auf meinem Handy rissen nicht ab. Meine Mutter Helga rief immer wieder an, gefolgt von Jens, ihre Namen flimmerten wie anklagende Geister auf dem Display. Ich legte das Telefon beiseite und ignorierte sie.
Meine Entscheidung stand fest; ich würde nicht zurückweichen, nur weil sie in Panik gerieten. Ich musste die Wahrheit finden, nicht nur ihre Forderungen erfüllen.
Die alte Notiz von Herrn Fischer lag auf meinem Schreibtisch, ein zerknittertes Stück Papier mit den Worten „Ehrenstein-Klausel“. Die verblasste Unterschrift, kaum lesbar, erinnerte mich an die alte Familienchronik, die meine Großmutter so sorgfältig geführt hatte.
Es war eine vage Ahnung, ein leiser Ruf aus der Vergangenheit, der mich dazu brachte, meine Recherchefähigkeiten einzusetzen. Wenn Herr Fischer von einer Klausel sprach, die so alt war, dass sie fast vergessen schien, dann musste es dazu Aufzeichnungen geben.
Das Stadtarchiv war ein kühles, stilles Gebäude aus grauem Stein, das selbst den leisesten Laut zu verschlucken schien. Der Geruch von altem Papier und Staub lag schwer in der Luft, ein Duft, der für mich seit Jahren vertraut war.
Ich meldete mich am Tresen bei einem mürrischen Herrn Gruber, dessen graues Haar wie ein schlecht sitzender Helm auf seinem Kopf thronte. Er blätterte langsam in einem großen Register.
„Haus Ehrenstein“, wiederholte er meinen Suchbegriff und verzog dabei das Gesicht. „Eine dieser alten Schnulzen, nicht wahr? Für Geschichtsforscher von geringem Wert.“
Seine abschätzige Bemerkung traf mich, als würde er nicht nur das Haus, sondern auch meine Familie und meine eigenen intellektuellen Interessen abwerten. Es erinnerte mich schmerzlich daran, wie meine Mutter meine Arbeit als Restauratorin alter Schriften oft als „nette Zeitverschwendung“ abgetan hatte, während sie sich auf ihre eigenen, vermeintlich wichtigeren „gesellschaftlichen Verpflichtungen“ konzentrierte.
Ich hielt seinem Blick stand. „Ich bin keine Geschichtsforscherin im üblichen Sinne, Herr Gruber. Ich suche nach familiären Aufzeichnungen.“
Er zuckte nur mit den Schultern und reichte mir einen vergilbten, staubigen Karteikasten. „Selbst ist die Frau. Die Kategorie ,Landbesitz und Adel‘ könnte etwas enthalten.“
Die Finger meiner rechten Hand griffen nach dem kalten Metall des Griffs. Jeder Kasten enthielt Dutzende von handgeschriebenen Karten, jede ein winziges Fenster in die Vergangenheit. Ich begann meine systematische Suche.
Stunden vergingen. Das Licht der großen Fenster des Archivs verlagerte sich, die Schatten wurden länger. Ich spürte das leichte Brennen in meinen Augen, als ich Karte um Karte las.
Die meisten Einträge waren trocken, Listen von Besitzern, Baujahren und Steuern. Dann fand ich es.
Eine unscheinbare Karteikarte, deren Schrift fast vollständig verblasst war, trug den Namen „Ehrenstein-Klausel“ und darunter, in kleinerer Schrift, den Zusatz: „Verweis auf regionale Legende ‚Pakt des Hauses‘, umstritten.“
Mein Herzschlag beschleunigte sich. Hier war der erste konkrete Hinweis. Der „Pakt des Hauses“ – eine Legende?
Ich suchte nach weiteren Hinweisen, und schließlich fand ich einen Verweis auf einen Mikrofilm. Es war ein einziger Eintrag, der auf eine lokale Folklore-Sammlung verwies, die in einem winzigen Museum im Nachbardorf aufbewahrt wurde.
„Die Sammlung ‚Sagen und Mythen des Ehrensteiner Landes‘“, murmelte ich leise vor mich hin. Herr Gruber blickte nicht einmal auf.
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