Ihre Stille war ihr Schutzschild, aber meine Mutter war ihre wahre Rache.
Am nächsten Morgen war die Luft in der Villa von einer seltsamen Spannung erfüllt. Anja bewegte sich stiller als sonst, ein Hauch von neuer Entschlossenheit in ihren Augen, den Markus und Helga in ihrer Selbstgefälligkeit nicht bemerkten. Ich beobachtete sie vom Fenster aus.
Gegen zehn Uhr hielt ein dunkler BMW vor der Auffahrt.
Ein Mann in einem maßgeschneiderten Anzug stieg aus. Herr Becker, der Immobilienmakler, den ich für meine Zwecke rekrutiert hatte. Er war pünktlich. Effizient, unpersönlich und unwissend.
Ich hatte ihm eine beträchtliche Summe für die Abwicklung einiger „komplizierter Eigentumsangelegenheiten“ gezahlt. Er hatte keine Fragen gestellt, nur die Dokumente überprüft und seinen Dienst zugesagt.
Markus saß wie üblich im Wohnzimmer, las die Wirtschaftszeitung und beurteilte die Welt lautstark, während Helga ihm Kaffee nachschenkte. Anja stand in der Küche und räumte Geschirr ein, während Paul leise im Garten spielte.
Als die Klingel ertönte, zuckte Anja zusammen. Markus seufzte genervt.
„Wer mag das jetzt schon wieder sein?“, brummte er. „Sagen Sie ihm, Anja, ich bin nicht zu sprechen, wenn es um Spenden oder irgendwelche Umfragen geht.“
Anja rührte sich nicht.
Ich ging zur Tür und öffnete sie. Herr Becker stand da, Aktenmappe in der Hand, sein Ausdruck neutral.
„Guten Morgen, Frau Schneider“, sagte er formell. „Ich bin Herr Becker vom Immobilienbüro. Ich habe einen wichtigen Termin mit Herrn und Frau Schneider.“
„Worum geht es denn?“, fragte ich, meine Stimme war genauso neutral wie seine.
„Es handelt sich um eine rechtliche Angelegenheit bezüglich dieser Immobilie“, antwortete er. „Ich muss die Dokumente persönlich zustellen.“
Markus war inzwischen aufgestanden und stand in der Tür zum Wohnzimmer, Helga direkt hinter ihm. Ihre Mienen waren gereizt.
„Was soll das?“, bellte Markus. „Immobilienbüro? Wir brauchen keinen Makler. Die Villa gehört uns.“
Helga schnaubte verächtlich. „Wollen Sie uns etwa ein Angebot machen? Das hier ist nicht zu verkaufen.“
Herr Becker blieb ungerührt. „Herr Schneider, Frau Schneider. Ich bin hier, um Ihnen eine Räumungsklage zuzustellen.“
Stille. Absolute Stille.
Markus und Helga starrten ihn an, dann mich, dann wieder ihn. Ein Lachen entfuhr Markus, hart und spöttisch.
„Eine Räumungsklage? Sind Sie verrückt, mein Herr? Oder ist das ein schlechter Scherz? Die Villa Schneider gehört uns, seit Generationen! Sie müssen sich irren.“
„Es gibt keinen Irrtum, Herr Schneider“, sagte Herr Becker ruhig und reichte ihm eine dicke Akte. „Die Villa ist seit drei Wochen nicht mehr in Ihrem Besitz. Sie ist Eigentum von Frau Lena Schneider.“
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