Am nächsten Morgen traf ich Konstantin im Gartenhaus. Die Morgensonne fiel durch die kleinen Fenster und warf fleckige Muster auf den alten Holztisch. Konstantin saß bereits da, seine Hände auf dem Tisch gefaltet, sein Blick abwesend. Er sah müde aus, fast gezeichnet.
Ich setzte mich ihm gegenüber, spürte die Kälte des Holzes durch meine einfache Kleidung. Eine gespannte Stille füllte den Raum, schwerer als die Luft vor einem Gewitter. Er sprach zuerst, seine Stimme leise, fast murmelnd.
“Klara ist in großer Sorge um dich, Luisa”, begann er und mied meinen Blick. “Sie glaubt, dass du dich in letzter Zeit verändert hast.”
Ein stechender Schmerz durchfuhr mich. Ich erwartete diese Worte, doch sie trafen mich dennoch mit voller Wucht. Klara hatte ihre Saat erfolgreich gesät.
“Ich bin dieselbe, die ich immer war, Konstantin”, antwortete ich ruhig, meine Stimme fest. “Ich habe mich der Gemeinschaft und dir mit ganzem Herzen verschrieben.”
Konstantin hob den Kopf, seine Augen trafen meine, doch sie spiegelten Zweifel wider. “Sie spricht von Unruhe in deinem Geist”, sagte er. “Von Gedanken, die dich von den Lehren abbringen.”
Ich spürte, wie meine Hände sich unwillkürlich zu Fäusten ballten, doch ich hielt sie unter dem Tisch verborgen. Ich musste ruhig bleiben.
“Klara ist besorgt um dich”, wiederholte er, fast wie um sich selbst zu überzeugen. “Sie sagt, du hättest von verborgenen Besitzansprüchen gesprochen, die dich quälen.”
Ein subtiles Lächeln huschte über sein Gesicht, es war ein Lächeln des Unverständnisses. Ich wusste, dass er die Idee eines “verborgenen Besitzes” für eine Wahnvorstellung halten musste.
Ich schüttelte leicht den Kopf. “Das ist nicht wahr, Konstantin”, sagte ich sanft. “Ich habe keine solchen Gedanken geäußert.”
Er sah mich lange an, ein Ausdruck der Unsicherheit in seinen Augen. Dann wechselte er das Thema abrupt. Er sprach von den Ernten des letzten Jahres, von den Plänen für die nächste Aussaat, von den Herausforderungen der Gemeinschaft.
Ich antwortete auf jede Frage, als ob nichts geschehen wäre, als ob die unsichtbare Mauer zwischen uns nicht existierte. Ich spielte das Spiel mit, zumindest vorerst. Ich wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine direkte Konfrontation war.
Am Abend desselben Tages fand ein gemeinsames Essen mit den Ältesten statt. Wir saßen an einem langen Holztisch in der großen Halle. Das Essen war einfach, aber reichlich. Der Älteste Jakob saß am Kopf des Tisches, ihm gegenüber Schwester Agnes.
Klara saß an Konstantins Seite und lächelte charmant. Sie hielt seine Hand unter dem Tisch, ich konnte es aus dem Augenwinkel sehen. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.
Die Gespräche waren lebhaft, drehten sich um die täglichen Belange der Gemeinschaft, um die Fortschritte der Novizen und die kommenden Feste. Ich versuchte, mich aktiv zu beteiligen, zeigte mein übliches Interesse.
Klara wartete auf ihren Moment. Und er kam, als das Gespräch auf die spirituelle Reinheit der Mitglieder kam.
“Es ist so wichtig, dass unser Geist offen und rein ist, um die Botschaften des Lichts zu empfangen”, sagte Klara mit einer sanften, fast zerbrechlichen Stimme. Sie blickte in die Runde.
Dann richtete sie ihren Blick direkt auf mich. Ich sah, wie ein Schatten über ihre Augen huschte, bevor sie ihr scheinheiliges Lächeln wieder aufsetzte.
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