Zwei Tage später stand ich vor den schweren Eichentoren von Haus Ehrenstein. Der Himmel war bedeckt, und ein kalter Wind pfiff durch die kahlen Äste der alten Bäume, die den langen Zufahrtsweg säumten. Das Anwesen wirkte verlassen, die Fenster starrten mich wie leere Augen an.
Ich hatte meine alte Tasche mit Restaurationswerkzeugen dabei. Ich wollte nur meine persönlichen Gegenstände und einige wichtige Arbeitsmaterialien holen, die ich im Keller gelagert hatte.
Das Anwesen hatte eine unheimliche Stille angenommen, seit ich die Zahlungen eingestellt hatte. Die normalerweise so gepflegten Rosenbeete wirkten vernachlässigt, ihre Stiele kratzten im Wind aneinander.
Ich schloss die schwere Haustür auf und trat ein. Ein eisiger Hauch umspielte mein Gesicht, viel kälter, als es die Außentemperatur rechtfertigte.
Der Kronleuchter im Salon, von dem Jens gesprochen hatte, lag zerbrochen auf dem Boden, seine unzähligen Kristallperlen glitzerten im spärlichen Licht, das durch die Fenster fiel. Ein Bild des Chaos.
Der Schaden ging über das Finanzielle hinaus. Er war eine physische Manifestation der gestörten Ordnung.
Ich ging durch die Diele, mein Atem bildete kleine Wölkchen in der kalten Luft. Jeder meiner Schritte hallte unnatürlich laut wider.
Die Luft war erfüllt von einem Geruch nach altem Holz und etwas, das ich nicht zuordnen konnte – erdig und modrig zugleich. Es war der Geruch eines Hauses, das zu verfallen begann, nicht nur finanziell, sondern auch spirituell.
Ich spürte eine wachsende Angst in mir. Das Haus war nicht mehr das vertraute Zuhause meiner Kindheit. Es war zu einem Ort der Bedrohung geworden.
Mein Weg führte mich zum Keller, wo ich meine Werkzeuge für die Restaurierung gelagert hatte. Als ich die Kellertreppe hinabstieg, wurde die Kälte noch intensiver, und ein dumpfes Wispern schien aus den Wänden zu kommen.
Es war kein einzelnes Wort, eher ein Gemurmel, eine undeutliche Kakophonie von Stimmen, die sich überlappten. Ich konnte sie nicht verstehen, aber ich spürte ihre Präsenz.
Im Keller holte ich meine Werkzeugkiste hervor, meine Hände zitterten leicht. Ich beeilte mich, die Kiste zu schließen und wollte so schnell wie möglich das Haus verlassen.
Als ich die Treppe wieder hinaufstieg, wurde das Wispern lauter, klarer. Eine einzelne, scharfe Stimme erhob sich aus dem Chor der Geräusche.
„Ich wünschte, du wärst nie geboren worden.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht, meine Füße blieben wie angewurzelt stehen. Es war Helgas Stimme, unverkennbar, aber verzerrt und voller bitterer Kälte.
Es waren die exakten Worte, die meine Mutter mir am Telefon entgegengebrüllt hatte, kurz bevor ich aufgelegt hatte. Die Worte, die den eigentlichen Auslöser für all das gewesen waren.
Mein Blick schnellte zur Eingangshalle. Dort, über einem alten Kaminsims, hing ein großer, vergoldeter Spiegel. Ein Erbstück, das Generationen überdauert hatte.
In diesem Moment flimmerte seine Oberfläche. Das Glas schien zu vibrieren, und für einen Bruchteil einer Sekunde sah ich ein Gesicht darin.
Es war verschwommen, leidend und voller Gram. Die Züge waren die einer alten Frau, die Augen tief und dunkel wie Abgründe.
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