Zwei Tage später, die Luft in meiner Wohnung schien immer noch von der Schwere der Dokumente erfüllt zu sein, stand ein weiterer Besuch in Konrads Villa an. Konrad hatte mich zu einem weiteren „Familientreffen“ gebeten, um angeblich „die Atmosphäre zu lockern“. Ich spürte jedoch eine erneute Welle des Unbehagens, als ich mich fertig machte.
Konrad spielte immer noch den gebrechlichen Patriarchen, gelegentlich hustete er leise in ein Taschentuch, als wir in seinem weitläufigen Wohnzimmer saßen. Ich beobachtete ihn genau, seine Gesichtszüge, die Art, wie er sich bewegte. Ich versuchte, das Bild des Mannes auf dem vergilbten Foto vor meinem inneren Auge zu halten, das Clara mir geschickt hatte, eine Kopie aus ihren frühen Recherchen.
Leo, der sich schnell langweilte, nutzte einen Moment der Stille, um sich von der Gruppe zu entfernen. Er schlenderte ins angrenzende Arbeitszimmer seines Großvaters, ein Raum voller schwerer, dunkler Holzmöbel und meterhoher Bücherregale.
Ich folgte ihm nach einem Moment, meine Nerven waren gespannt. Ich traute Konrad keinen einzigen Moment aus den Augen.
Leo stand vor einem großen Schreibtisch und zog neugierig an einem alten, verzierten Fotoalbum. Es sah aus, als wäre es seit Jahrzehnten nicht mehr angefasst worden.
„Mama, schau mal!“, rief Leo begeistert. „Ein Fotoalbum!“
Ich trat näher, mein Blick fiel auf das offene Album in seinen Händen. Es war voller Schwarz-Weiß-Fotos, Momentaufnahmen aus einer längst vergangenen Zeit.
Leo blätterte durch die Seiten und zeigte mir dann aufgeregt ein vergilbtes Foto. Es war ein Gruppenbild, vielleicht von einem Klinikfest vor vielen Jahren.
Darauf war ein jüngerer Konrad zu sehen, wohl in seinen späten Vierzigerjahren. Er stand in der Mitte der Gruppe, Hände in den Hosentaschen, der Kopf leicht geneigt, ein selbstbewusstes Lächeln auf den Lippen.
Er wirkte robust, energisch, voller Autorität. Dieselbe markante Nase, dieselbe Augenform, aber eine ganz andere Ausstrahlung.
„Opa sieht ja immer noch genauso aus wie damals, nur ohne sein ‚Husten-Gesicht‘!“, bemerkte Leo unschuldig, seine kleinen Finger zeigten auf das Bild.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, der bis in meine Zehenspitzen reichte. Leos Worte waren wie ein Blitzschlag in der Dunkelheit.
Konrad hatte immer von einer „langjährigen, zunehmenden Gebrechlichkeit“ gesprochen, die ihn seit Jahrzehnten plagte. Doch das Foto zeigte einen Mann, der Vitalität ausstrahlte, kaum älter wirkte als der heutige Konrad, aber ohne jegliche Anzeichen von Schwäche oder Krankheit.
Das Bild seines „Husten-Gesichts“, das Konrad in den letzten Wochen so perfektioniert hatte, war auf diesem Foto nicht zu sehen. Der Mann auf dem Bild war ein Löwe in seinen besten Jahren.
Die sorgfältig kultivierte Maske von Konrads angeblicher, langjähriger Krankheit zerbrach in diesem Moment in tausend Stücke vor meinen Augen. Die schiere Frechheit dieser Täuschung war atemberaubend.
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