Die Tage nach Herrn Baumanns Rückzug waren von einer beunruhigenden Stille erfüllt. Ich fühlte mich wie in einem Belagerungszustand, umgeben von unsichtbaren Bedrohungen. Doch die nächste Stufe des Sorgerechtsstreits stand bevor: eine gerichtlich angeordnete Anhörung beim Jugendamt. Ich sollte meine Wohnsituation und meine Eignung als Mutter unter Beweis stellen. Ich wusste, dass meine Eltern alles versuchen würden, um mich in einem schlechten Licht darzustellen.
Ich zog Mia an, ihr kleines Gesicht strahlte, als ich ihr eine Mütze aufsetzte. Sie war so unschuldig, so ahnungslos. Der Gedanke, sie von mir getrennt zu sehen, war unerträglich. Herr Fischer hatte mich akribisch auf das Gespräch vorbereitet. „Seien Sie ehrlich, aber bleiben Sie ruhig und gefasst“, hatte er gesagt. „Jedes Anzeichen von Emotionalität könnten sie gegen Sie auslegen.“
Das Jugendamt war ein nüchterner Bau, die Gänge rochen nach Desinfektionsmittel. Mein Herz klopfte, als wir in den Warteraum geführt wurden. Wenige Minuten später wurden wir von Frau Sommer abgeholt. Sie war eine junge Frau, nicht viel älter als ich, mit einem sorgfältig zurückgesteckten Pferdeschwanz und einer konzentrierten, fast nervösen Ausstrahlung. Ihre Augen waren wachsam, als sie uns begrüßte.
„Frau Weber, schön, dass Sie da sind“, sagte Frau Sommer mit einer professionellen Höflichkeit, die keinen Raum für persönliche Gefühle ließ. „Bitte kommen Sie herein.“
Ihr Büro war zweckmäßig eingerichtet. Ein großer Tisch stand in der Mitte, mit zwei Stühlen für mich und einem für sie. Mia saß in ihrem Kinderwagen und blickte neugierig umher. Frau Sommer setzte sich mir gegenüber, ein Notizblock und ein Stift bereit.
„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Frau Sommer“, begann ich, bemüht, ruhig zu klingen.
Frau Sommer nickte. „Das ist unsere Aufgabe, Frau Weber. Wir sind hier, um uns ein umfassendes Bild von Ihrer Situation zu machen, im besten Interesse von Mia.“
Sie begann, ihre Fragen zu stellen. Sie wollte alles über meinen Alltag wissen: Mias Essens- und Schlafzeiten, meine Unterstützung durch Freunde, meine finanzielle Situation, die Maßnahmen, die ich ergriffen hatte, um meine Wohnsituation zu sichern. Ich antwortete detailliert, versuchte, kein Detail auszulassen. Ich beschrieb, wie meine Freundin mich unterstützte, wie ich mein Erspartes einsetzte, um die Zeit zu überbrücken, wie sehr ich Mia liebte und wie ich versuchte, ihr trotz allem ein stabiles Umfeld zu bieten.
Frau Sommer hörte aufmerksam zu, machte sich Notizen. Ihre Fragen waren präzise und gründlich. Ich hatte das Gefühl, dass sie wirklich verstehen wollte.
Dann, mitten im Gespräch, fragte sie: „Frau Weber, können Sie sich an eine anonyme Meldung erinnern, die vor etwa einem Jahr bei uns einging, bezüglich Ihrer Eignung als Mutter?“
Ich erstarrte. Die Luft schien aus meinen Lungen zu weichen. Eine anonyme Meldung? Vor einem Jahr?
„Eine… eine anonyme Meldung?“, wiederholte ich, meine Stimme war dünn. „Ich… nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Was für eine Meldung?“
Frau Sommer sah in ihren Unterlagen nach. „Es war eine kurze Notiz, dass Sie angeblich… nun ja, emotional instabil seien und nicht in der Lage, sich um ein Kind zu kümmern, sollten Sie eines haben. Wir haben sie damals als unbegründet abgetan, da es ja gar kein Kind gab.“
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