Ein paar Tage nach dem emotionalen Telefonat mit meiner Mutter erhielt ich einen Anruf von Frau Dr. Lorenz. Ihre Stimme war ungewohnt scharf, dringlich. Sie bat mich, sofort in ihre Kanzlei zu kommen. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte.
„Ich habe etwas gefunden, das alles verändert“, sagte sie, ihre Worte klangen ernst.
Anja begleitete mich. Die kurze Fahrt zur Kanzlei fühlte sich an wie eine Ewigkeit, mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich konnte mir kaum vorstellen, was noch alles ans Licht kommen könnte, was Markus noch alles verbergen mochte.
Als wir ihr Büro betraten, saß Frau Dr. Lorenz bereits an ihrem Schreibtisch, umgeben von Akten und aufgeschlagenen Büchern. Sie legte einen Ausdruck auf den Tisch, ein Dokument, das wie ein amtlicher Auszug aussah. Ihr Blick war fest.
„Ich habe die Hintergründe der Familie Richter recherchiert, insbesondere in Bezug auf die Erbschaftsangelegenheiten“, begann sie, ihre Stimme war sachlich.
„Dabei bin ich auf etwas Merkwürdiges gestoßen. Die ‚Ex-Freundin‘, Julia Richter, die in Markus’ Tagebuch erwähnt wird, trägt denselben Nachnamen wie er.“
Mein Blick zuckte zu Anja. Derselbe Nachname? Ein Zufall? Markus hatte mir nie gesagt, dass Julia einen verwandten Nachnamen trug, aber dann hätte er mir auch nie von ihrem tatsächlichen Status als seine ‚Ex-Freundin‘ erzählt.
„Ich habe das natürlich genauer überprüft“, fuhr Frau Dr. Lorenz fort, und in ihren Augen blitzte eine kalte Wut auf.
„Eine Überprüfung des Familienregisters und anderer öffentlicher Dokumente hat etwas Erstaunliches ergeben.“
Sie schob den Ausdruck näher zu mir. Darauf standen Namen und Geburtsdaten. Und dann sah ich es. Julia Richter, geboren ein paar Jahre vor Markus. Ihre Eltern waren dieselben, die auch Markus als ihre Eltern verzeichneten.
„Julia Richter ist nicht Markus’ Ex-Freundin“, sagte Frau Dr. Lorenz.
„Sie ist seine ältere Schwester.“
Die Welt um mich herum schien für einen Moment stillzustehen. Alles drehte sich, und ich musste mich am Stuhl festhalten. Seine Schwester. Nicht seine Rivalin um seine Zuneigung, sondern seine Komplizin in der tiefsten, grausamsten Lüge. Die Erkenntnis war wie ein Schlag in die Magengrube, schlimmer als jede physische Verletzung.
„Seine Schwester?“, flüsterte ich, mein Mund war trocken.
„Aber im Tagebuch… er wollte zu ihr zurückkehren…“
Die Erinnerung an die Fotos im Tagebuch, die Notizen über eine wiederauflebende Liebe, die Zukunft, die er sich mit Julia ausgemalt hatte – all das bekam nun eine groteske, kranke Bedeutung. Markus hatte nicht nur meine Gefühle missbraucht, sondern auch die Vorstellung einer romantischen Dreiecksbeziehung inszeniert, die von Anfang an eine einzige, verlogene Farce war.
„Genau das war der Plan“, erklärte Frau Dr. Lorenz.
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