Die Tage nach der Entdeckung der Beweise waren ein Drahtseilakt. Ich versuchte, meine Erschöpfung und die innere Wut zu verbergen, während ich meinen normalen Pflichten in der Firma nachging. Gleichzeitig versuchte ich, vorsichtige Gespräche mit anderen Seniorpartnern zu führen, um die ersten Fühler auszustrecken.
Ich begann mit Herrn Weber, einem Partner, der für seine Fairness bekannt war. Bei einem Kaffee in der Firmenküche erwähnte ich beiläufig, dass ich in Professor Richters Nachlass auf einige „interne Unstimmigkeiten“ gestoßen sei, die die „Unparteilichkeit bei der Projektvergabe“ beträfen.
Herr Weber hörte aufmerksam zu, aber seine Augen verrieten eine tiefe Zurückhaltung. „Frau Keller, ich verstehe, dass Sie nach Professor Richters Tod noch sehr emotional sind. Er war ein großartiger Mann, aber er hatte in seinen letzten Jahren… nun ja, einige ganz eigene Ansichten über die Geschäftsführung.“
Er spielte es herunter, tat meine Andeutungen als meine persönliche Trauer und Verwirrung ab. Es war genau das, was Jannis befürchtet hatte. Niemand wollte die Anschuldigungen hören. Niemand wollte die Ruhe stören. Die Mauer des Schweigens war undurchdringlich.
Ich versuchte es bei Dr. Lena Berg, einer weiteren Seniorpartnerin. Sie war pragmatisch und direkt. Ich sprach sie auf Richters Bedenken hinsichtlich „mangelnder Transparenz bei gewissen Finanztransaktionen“ an.
Dr. Berg seufzte nur. „Frau Keller, wir alle wissen, dass Professor Richter in den letzten Jahren sehr viel gelitten hat. Seine Gesundheit war schlecht, und das hat sich auch auf seine Urteilsfähigkeit ausgewirkt. Dr. Brandt hat viel getan, um die Firma in dieser schwierigen Zeit zu stabilisieren.“
Sie verteidigte Brandt, fast instinktiv. Es war klar, dass Brandt seinen Einfluss gut genutzt hatte, um sich als Retter der Firma zu inszenieren. Er hatte die Narrative kontrolliert. Er hatte die Kollegen gegen Richters wachsende Skepsis geimpft.
„Vielleicht sollten Sie sich mehr auf Ihre eigenen Projekte konzentrieren“, fügte Dr. Berg hinzu, ihre Stimme war freundlich, aber bestimmt. „Wir haben vielversprechende neue Aufträge, die Ihre volle Aufmerksamkeit erfordern.“
Die Botschaft war unmissverständlich: Kümmere dich um deinen Kram und halte dich raus. Meine Versuche, Verbündete zu finden, stießen auf eine kalte, abweisende Wand.
Brandt hatte meine Ermittlungen zweifellos bemerkt. Er brauchte keine konkreten Beweise, um zu wissen, dass ich nach etwas suchte. Seine Methoden waren subtiler.
Die erste Eskalation kam in Form einer E-Mail von der Geschäftsleitung. Mein aktuelles Großprojekt, an dem ich monatelang gearbeitet hatte, wurde mir entzogen. Begründung: „Umschichtung der Ressourcen aufgrund unvorhergesehener Umstände“. Ich wusste, es war Brandt.
„Das kann nicht wahr sein!“, rief ich aus, als ich mit der E-Mail zu Jannis kam. „Das ist mein wichtigstes Projekt!“
„Er versucht, Ihre Karriere zu sabotieren“, sagte Jannis. „Sie sollen keine Zeit haben, sich um Richters Erbe zu kümmern. Sie sollen so beschäftigt sein, dass Sie keine Chance haben, nach Beweisen zu suchen.“
Die Isolation wurde spürbar. In Meetings wurde ich ignoriert, meine Vorschläge übergangen. Brandt selbst strahlte eine übertriebene Freundlichkeit aus, die mich nur noch misstrauischer machte. Er lobte meine „Arbeitsmoral“, erwähnte aber beiläufig, dass ich „manchmal etwas zu impulsiv“ sei, besonders nach Richters Tod. Die Gerüchte begannen sich zu verbreiten: Luisa Keller sei instabil, ihre Trauer mache sie irrational, sie sehe Gespenster, wo keine waren.
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