Das „Goldene Kännchen“ war ein charmantes kleines Café mit holzvertäfelten Wänden und dem Duft von frischem Kaffee. Ich wartete an einem kleinen Tisch in einer Ecke, als Dr. Eva Klein hereinkam. Sie war eine schlanke Frau mit wachen, intelligenten Augen und einem entschlossenen Ausdruck.
„Frau Richter?“, fragte sie und streckte mir die Hand entgegen. Ihr Händedruck war fest.
„Lena“, sagte ich. „Bitte, nennen Sie mich Lena.“
„Eva“, erwiderte sie und setzte sich mir gegenüber. Sie bestellte einen schwarzen Tee und kam sofort zur Sache.
„Ich verstehe, dass Sie sich in einer schwierigen Lage befinden“, begann sie. „Ihre Familie… nun ja, sie hat einen Ruf.“
Ich nickte. Ich wusste, welchen Ruf sie meinte. Den Ruf einer Familie, die über ihren Verhältnissen lebte und sich in gesellschaftlichen Kreisen bewegte, die sie sich eigentlich nicht leisten konnte.
„Als investigative Journalistin verfolge ich Spuren, wo immer sie mich hinführen“, fuhr Eva fort. „Und die Spuren, die von Haus Ehrenstein wegführen, sind… interessant.“
Sie holte einen kleinen Notizblock und eine Mappe aus ihrer Tasche. „Ich habe Korrespondenz gefunden, die einige Ihrer familiären Angelegenheiten in einem neuen Licht erscheinen lässt.“
Mein Herz klopfte. Hier kam es.
„Ich habe alte Briefe von Ihrer Mutter Helga an eine Freundin aus ihrer Jugend gefunden“, sagte Eva und legte vorsichtig mehrere vergilbte Blätter auf den Tisch. „Sie stammen aus den letzten zwölf Jahren, dem Zeitraum, in dem Sie die finanziellen Lasten des Hauses getragen haben.“
Ich spürte, wie meine Kehle trocken wurde. Briefe? Was würde meine Mutter darin schreiben?
„Ihre Mutter hat sich in diesen Briefen über ,Lenas naive Loyalität‘ lustig gemacht“, las Eva vor, ihre Stimme war neutral. „Sie schreibt, dass Sie ,ihr immer wieder aus der Patsche hilfst‘ und ,gar nicht merkst, wie du die Hypothek für unser schönes Haus abbezahlst, während ich die Miete für ihre eigene Wohnung zahle‘.“
Ein kalter Stich fuhr mir durch die Brust. Es war genau das, was ich befürchtet hatte.
Eva blätterte zu einem anderen Brief. „Hier schreibt sie: ,Die Kleine denkt, sie hält die Familie zusammen, dabei bezahlt sie nur für meinen Lebensstil.‘“
Ich stieß einen Atemzug aus, den ich nicht bemerkt hatte, dass ich ihn angehalten hatte. Die Wut kochte in mir hoch, aber auch eine tiefe, schmerzhafte Bestätigung.
Helga hatte meine Zahlungen nicht nur als ihre eigenen Leistungen ausgegeben. Sie hatte sich auch noch über meine vermeintliche Naivität lustig gemacht.
„Sie hat die Familie jahrelang über die wahre Herkunft des Geldes getäuscht“, fuhr Eva fort. „Alle dachten, Helga Richter würde die Rechnungen bezahlen, ihren ,Verpflichtungen als Matriarchin‘ nachkommen.“
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