Die Nacht legte sich wie ein schwerer Mantel über die Gemeinschaft. Ich wartete geduldig, bis die letzten Lichter erloschen waren und die Stille des Schlafes das Haus umfing. Mein Herz pochte leise, doch meine Entschlossenheit war unerschütterlich. Ich musste das verborgene Archiv finden.
Ich zog den kleinen, verzierten Schlüssel aus meiner Schatulle. Sein Gewicht in meiner Hand war eine ständige Erinnerung an Schwester Agnes’ Worte und die Dringlichkeit meiner Mission. Ich schlüpfte aus meinem Zimmer und bewegte mich lautlos durch die dunklen Gänge.
Die Bibliothek, ein Ort der Ruhe und des Wissens, war mein erstes Ziel. Sie war ein großer Raum im ältesten Teil des Hauses, gefüllt mit uralten Büchern und Pergamenten. Der Geruch von altem Papier und Holz war intensiv.
Ich schaltete eine kleine Laterne ein, ihr Lichtkegel tanzte vorsichtig durch den Raum. Ich suchte nach Hinweisen, nach allem, was Agnes’ “subtile Hinweise” bedeuten könnte.
Ich erinnerte mich an ihre Worte: “Ein verstecktes Fach hinter einem alten Wandteppich.” Es gab viele Wandteppiche in der Bibliothek, alte und verstaubte.
Ich begann meine Suche in der hintersten Ecke des Raumes, wo die ältesten und am seltensten benutzten Bücher standen. Der Wandteppich, den ich suchte, musste auch alt sein, vielleicht sogar etwas abgenutzt.
Ich fand einen, der ein verblasstes Bild eines Lebensbaumes zeigte, seine Wurzeln tief in die Erde gegraben, seine Äste reichten bis zum Himmel. Er hing an der hintersten Wand, hinter einem hohen Bücherregal, das voller vergessener Schriften war.
Ich schob das Regal vorsichtig zur Seite, seine schweren Holzrollen knarrten leise in der Stille. Hinter dem Regal hing der Wandteppich, dicker Staub bedeckte seine Oberfläche.
Ich zog den Teppich zur Seite, und dahinter offenbarte sich eine unscheinbare Holzwand. Sie war nicht wie die anderen Wände im Raum. Ihre Maserung war anders, und in ihrer Mitte entdeckte ich eine kleine, fast unsichtbare Einkerbung.
Ich fuhr mit meinen Fingern über die Stelle. Es war ein schmaler Spalt, kaum sichtbar, der die Form einer Tür andeutete. Meine Aufregung stieg. Das musste es sein.
Ich nahm den Schlüssel und versuchte, ihn in den Spalt einzuführen. Er passte perfekt. Mit einem leisen Klick gab das Schloss nach.
Ich drückte vorsichtig gegen die Wand, und ein kleines Fach schwang nach innen auf. Dahinter offenbarte sich ein dunkler, schmaler Hohlraum.
Ich leuchtete mit meiner Laterne hinein. Meine Augen weiteten sich vor Überraschung. Dort, in diesem verborgenen Fach, lag ein antiker Holzbehälter.
Er war aus dunklem Eichenholz gefertigt, reich verziert mit Schnitzereien, die Ranken und Blätter darstellten. Er sah alt aus, sehr alt, aber seine Oberfläche war glatt und gepflegt.
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