Chapter 7: Die bittere Ruhe

#content-1

Das Kiezfest war noch in vollem Gange, als ich Leon in meiner Agentur traf. Der Kontrast zwischen der lauten, feierlichen Stimmung draußen und der stillen Erleichterung in meinen Büroräumen war frappierend. Das gedämpfte Summen der Server war das einzige Geräusch, das unsere Stille unterbrach.

Ich ließ mich erschöpft auf meinen Bürostuhl fallen. Leon stand vor meinem Schreibtisch, seine Hände in den Hosentaschen. Er nickte mir zu.

„Das war… bemerkenswert, Clara“, sagte er.

„Es war notwendig“, erwiderte ich, meine Stimme klang heiser.

„Die interne Revision wird aktiv werden“, bestätigte Leon. „Mit deinen Beweisen und den zusätzlichen Informationen, die ich ihnen gegeben habe, ist das eine klare Sache. Und Herr Schmidt wird sich wahrscheinlich nicht mehr lange auf seinem Posten halten können. Seine Einflussnahme auf Ursula, seine gefälschten Zeugenaussagen – das ist ein leichtes Spiel für die Behörden.“

Ich spürte eine tiefe Erleichterung, die sich durch meinen Körper zog. Der jahrelange Druck, die ständige Angst vor Ursulas Forderungen, war plötzlich weg. Aber diese Erleichterung war nicht von Freude begleitet. Stattdessen spürte ich eine Leere, eine Schwere.

„Es ist… eine bittere Ruhe“, sagte ich leise.

„Das ist es immer, wenn man einen so tiefen Schnitt macht“, sagte Leon. „Die familiäre Illusion ist zerbrochen. Endgültig.“

Ich nickte. Die Vorstellung, dass unsere Familie, so wie ich sie gekannt hatte – oder zumindest ertragen hatte – nun offiziell nicht mehr existierte, war ein schmerzhaftes Gewicht. Da war kein „Ich habe gewonnen!“, kein triumphales Gefühl. Nur die Erkenntnis, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen war.

Mein Handy summte auf dem Schreibtisch. Ich sah auf den Bildschirm. Ursulas Name leuchtete auf. Eine Reihe wütender Textnachrichten.

Ich schaltete das Display wieder aus. „Sie hat bereits angefangen zu schreiben. Verrat. Undankbarkeit.“

„Lies sie nicht“, riet Leon.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich werde sie löschen. Ungelesen.“

Ich entsperrte das Handy und löschte die Nachrichten, ohne sie auch nur anzusehen. Es war eine bewusste Entscheidung, eine Geste der Abgrenzung. Ich hatte genug gehört.

„Was passiert jetzt mit ihr?“, fragte ich Leon.

„Die Behörden werden ihre Arbeit machen. Es wird Ermittlungen geben, vielleicht ein Verfahren. Aber du musst dich nicht mehr darum kümmern. Das ist nicht deine Aufgabe.“

Er sah mich eindringlich an.

„Deine Aufgabe ist es, dich auf Sophie zu konzentrieren. Und auf dein Geschäft. Du hast dir eine Zukunft aufgebaut, Clara. Jetzt musst du sie leben.“

Ich dachte an Sophie, die jetzt ruhig in ihrem Bett schlief. Sie war der Grund für all das gewesen. Der Katalysator. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich weitergemacht, die Forderungen erfüllt, mich ausbeuten lassen. Aber für Sophie wollte ich ein anderes Leben. Ein Leben ohne diesen ständigen Schatten.

You May Also Like

More From Author

+ There are no comments

Add yours