Trotz der Drohungen und der öffentlichen Schlammschlacht versuchte ich, meinen Alltag bei Anja so normal wie möglich zu gestalten. Eines Nachmittags, als ich gerade die Wäsche auf dem Balkon aufhängen wollte, hörte ich ein Klopfen an der Wohnungstür. Anja war nicht zu Hause. Ich zögerte, wer es sein könnte.
Als ich durch den Spion blickte, stockte mir der Atem. Es war Basti, Markus’ Cousin. Er stand da, mit einem unsicheren Ausdruck auf dem Gesicht, in der Hand hielt er einen kleinen Blumenstrauß, der völlig fehl am Platz wirkte.
Ich öffnete die Tür nur einen Spalt breit.
„Lena?“, fragte er, seine Stimme war leise und überrascht, als er mich sah.
„Markus hat mir gesagt, du wärst… weg. Und dass du krank bist.“
Ich sah die Verwirrung in seinen Augen. Er war ein Werkzeug in Markus’ Spiel gewesen, ein unwissender Gehilfe. Die spezifische Grausamkeit, dass Markus Bastis Loyalität so schamlos ausgenutzt hatte, um Lügen zu verbreiten, war offensichtlich. Ich wusste, dass Basti selbst ein Opfer von Markus’ Manipulation war.
„Markus hat dir eine Menge Lügen erzählt, Basti“, sagte ich, meine Stimme war kühl.
Ich öffnete die Tür weiter und lud ihn ein, hereinzukommen. Es war ein Risiko, aber ich spürte, dass dies meine Chance war, ihm die Augen zu öffnen. Er betrat die Wohnung, seine Augen schweiften unsicher umher.
„Lena, ich mache mir Sorgen um dich. Markus sagt, du hast wichtige Dokumente mitgenommen, Erbschaftszeugnisse. Und dass du… dass du nicht ganz klar im Kopf bist.“
Sein Blick fiel auf meinen Bauch. Ich sah, wie sich seine Augen weiteten, ein Ausdruck von Schock und sofortigem Verständnis breitete sich auf seinem Gesicht aus. Das war etwas, das Markus ihm ganz sicher nicht erzählt hatte.
„Das sind alles Lügen, Basti“, sagte ich und zog mein Handy hervor.
„Markus hat mich nie geliebt. Er hat mich nur benutzt.“
Ich öffnete die Galerie und zeigte ihm die Fotos des Tagebuchs. Seite für Seite blätterte ich durch die Aufzeichnungen, in denen Markus seine Pläne, mich zu verlassen und zu Julia zurückzukehren, detailliert beschrieben hatte. Die Fotos von Julia, die Pläne für unser Kind, das er nie wollte.
Basti nahm mein Handy in die Hand, seine Augen huschten über die Zeilen. Sein Gesicht wurde immer blasser. Ich sah, wie die Verwirrung in seinem Blick einer tiefen Enttäuschung wich. Die anfängliche Ungläubigkeit wich der bitteren Erkenntnis.
„Das… das ist nicht möglich“, murmelte er, seine Stimme war kaum hörbar.
„Markus würde so etwas nicht tun. Er… er ist mein Cousin.“
Ich spürte keinen Triumph, nur eine tiefe Traurigkeit über die zerbrochene Illusion, die Basti bis eben noch an Markus geklammert hatte. Er hatte seinen ‚großen Bruder‘ idealisiert. Jetzt zerbrach dieses Bild vor seinen Augen.
„Doch, Basti“, sagte ich sanft.
„Markus ist genau so. Er benutzt jeden für seine eigenen Zwecke.“
Basti verbrachte fast eine Stunde bei mir, sprach kaum, blätterte immer wieder durch die Tagebuchfotos. Er stellte keine Fragen mehr, sondern schien die Wahrheit langsam, aber schmerzhaft zu verarbeiten. Er sah mich am Ende an, seine Augen waren traurig.
„Es tut mir leid, Lena“, sagte er.
„Ich wusste es wirklich nicht.“
Er verabschiedete sich und ging. Ich wusste nicht, was ich von diesem Treffen halten sollte. Würde er Markus warnen? Oder würde er meine Worte ernst nehmen? Die Ungewissheit blieb.
Ein paar Tage später erhielt Frau Dr. Lorenz einen unerwarteten Anruf. Es war Basti. Er bat um ein Treffen. Er klang verstört, aber entschlossen.
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