Part 1
Der schwere Eichenholz-Flurtisch knarrte unter dem Gewicht des gefalteten Schreibens.
Meine Hand zitterte, als ich danach griff.
Es war nicht nur ein Blatt Papier. Es war ein Urteil.
Gerhard Richter stand mir gegenüber, seine Hände waren fest hinter seinem Rücken verschränkt. Seine Augen, sonst oft müde, loderten heute mit einer fast fanatischen Überzeugung.
Er sah mich nicht an, sondern fixierte einen Punkt über meiner Schulter. Als würde er mich nicht als Person, sondern als Symptom eines viel größeren Problems betrachten.
“Ich nehme an, der Grund für diese Maßnahme ist Ihnen nicht unbekannt, Frau Dr. Lindner”, sagte er. Seine Stimme war ruhig, aber die Härte darin schnitt durch die warme Luft meines kleinen Flures.
Draußen zwitscherten Spatzen in den Lindenbäumen. Es war ein sonniger Münchener Nachmittag, doch in meiner Wohnung lag ein kalter Schatten.
Ich umklammerte das Schreiben fester. Mein Blick fiel auf die fettgedruckten Worte: „Fristlose Kündigung“.
„Nein, Herr Richter“, entgegnete ich, meine eigene Stimme klang dünner, als ich es wollte. „Ich bitte Sie, mir den Grund zu nennen.“
Er löste seine Hände und griff in die Innentasche seines tweedfarbenen Sakkos. Er zog ein weiteres, dünnes Kuvert hervor.
„Es geht um die Moral, Frau Dr. Lindner“, sagte er. „Um die Ordnung in unserem Haus. Und um die Gerechtigkeit für all jene, die hart arbeiten und keine Sonderbehandlung erwarten können.“
Er legte das zweite Kuvert auf den Tisch. Es trug das offizielle Logo des Klinikums Großhadern. Darunter war ein kleinerer Aufdruck: „Ethikkommission“.
Ein eisiger Griff packte mein Herz.
„Dieses Schreiben hier“, fuhr er fort, ohne meine Reaktion abzuwarten, „ist eine Beschwerde, die ich soeben an die Ethikkommission des Klinikums geschickt habe.“
Meine Finger zitterten so sehr, dass ich das Kündigungsschreiben fast fallen ließ. Die Ethikkommission. Das war kein harmloser Nachbarschaftsstreit mehr. Das war meine Karriere.
„Eine Beschwerde? Weswegen?“, stieß ich hervor.
Richter schnaubte leise.
„Spielen Sie sich nicht ahnungslos. Seit zwölf Jahren lebt hier ein Kind ohne Vater. Ein Kind, dessen Vaterschaft ein offenes Geheimnis ist, das die halbe Klinik tuscheln lässt.“
Er trat einen Schritt näher, und nun traf sein Blick meine Augen direkt. Sie waren voller Groll, alt und unerbittlich.
„Jeder weiß, mit wem Sie täglich im OP stehen. Jeder weiß, wer der Chefarzt ist, der auf wundersame Weise immer ein offenes Ohr für Sie hat.“
Ich schüttelte den Kopf, ein Gefühl der Übelkeit stieg in mir auf.
„Dr. Weber und ich haben eine rein professionelle Beziehung. Wie können Sie…“
„Professionell?“, spottete Richter. „Die Gerüchte über Dr. Marcus Weber und Sie sind bis in den letzten Winkel dieses Hauses gedrungen. Sie haben es ausgenutzt, Frau Dr. Lindner.“
Seine Stimme wurde lauter, und ich konnte hören, wie in der Wohnung nebenan ein Radio verstummte.
„Sie haben Ihre Position missbraucht, um sich diese Dienstwohnung zu sichern! Um sich Vorteile zu verschaffen, die anderen verwehrt bleiben!“
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