Die Bilder vom Frühlingsball brannten sich in meinen Kopf. Frau Steiners gellende Schreie, die starrenden Augen, das zerrissene Kleid. Alles klebte noch an mir, wie der Schweiß vom Tanzen, nur viel schlimmer.
Ich konnte nicht schlafen.
Mein Vater, Thomas, und Anne, meine Stiefmutter, versuchten, tapfer zu sein. Sie redeten von Anwälten, von Richtigstellung.
Aber ich sah die Müdigkeit in ihren Augen. Die Angst vor dem, was Frau Steiner als Nächstes tun würde, nagte an uns allen.
Ich wusste, ich konnte nicht einfach rumsitzen und zusehen.
Ich musste etwas finden, das Frau Steiners Lügen entlarvte. Einen Anhaltspunkt, irgendetwas.
Mein Blick fiel auf die alte Anrichte im Flur, wo meine Großmutter früher ihre Erinnerungsstücke aufbewahrt hatte. Jetzt war es nur noch eine Ansammlung von Staubfängern.
Vielleicht gab es dort etwas, das uns helfen könnte.
Ich begann meine Suche im Wohnzimmer, ein unordentlicher Kampf gegen Erinnerungen und Staub. Ich zog alte Bücher aus den Regalen, blätterte durch vergilbte Fotoalben.
Nichts von Bedeutung. Nur die bekannten Familiengeschichten, keine dunklen Geheimnisse.
Ich räumte Annes Arbeitszimmer durch, ein Ort, an dem sich sonst nur Stifte und Spendenlisten stapelten. Ihre Ordner waren tadellos organisiert, jeder Beleg an seinem Platz.
Es war klar, dass hier keine Beweise für Betrug zu finden waren. Anne war zu akribisch, zu ehrlich.
Aber die Anwaltsbriefe waren real. Die Drohung einer forensischen Prüfung schwebte wie ein Damoklesschwert über uns.
“Was machst du denn da, Lena?”, fragte mein Vater überrascht, als er das Wohnzimmer betrat. Seine Stimme klang besorgt.
Ich zuckte mit den Schultern. “Nur ein bisschen aufräumen. Mir ist langweilig.”
Eine halbe Lüge. Langeweile war das Letzte, was ich empfand.
Er nickte langsam. “Na dann. Ich bin im Arbeitszimmer, falls du mich brauchst.”
Er verstand, dass ich meine Ruhe brauchte, auch wenn er meinen wahren Grund nicht kannte.
Ich setzte meine Suche fort, meine Finger strichen über alte Vasen und Figuren. Dann erreichte ich die Kommode meiner Großmutter.
Obenauf stand eine Spieluhr aus dunklem Holz. Sie war alt und leicht verstaubt, aber die Schnitzereien waren immer noch wunderschön.
Ich erinnerte mich daran, wie meine Großmutter sie mir immer wieder gezeigt hatte, die kleine Ballerina, die sich darin drehte, wenn man sie aufzog.
Ich hob die Spieluhr hoch. Sie war schwerer, als ich erwartet hatte, mit einem unerwarteten Gewicht an der Unterseite.
Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich. Eine seltsame Unebenheit im Holz auf der Unterseite zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Ich drehte die Spieluhr um, meine Finger tasteten vorsichtig über das Holz. Es war nicht ganz glatt.
Ein kleiner, kaum sichtbarer Spalt verlief entlang einer Seite.
Ich drückte leicht darauf. Nichts passierte.
Also drehte ich noch einmal, schob, tastete. Da war ein winziger Vorsprung, fast wie eine winzige Taste, versteckt zwischen den Schnitzereien.
Ich drückte fester.
Ein leises *Klick* war zu hören, so leise, dass ich es fast überhört hätte. Dann glitt ein Stück des Bodens beiseite.
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