Ein grauer Morgenhimmel hing über Die Gemeinschaft des Friedens.
Die Stille nach dem Chaos der Nacht war drückend, fast bedrohlich.
Ich saß am leeren Stammtisch im Gasthof „Zum Alten Apfelbaum“.
Der Geruch von verschüttetem Bier und Angst hing noch in der Luft.
Frau Schmidt wischte mit zitternden Händen einen der dunklen Holztische ab.
Sie mied meinen Blick.
„Die Polizei war noch einmal hier, Herr Weber“, sagte sie leise.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Sie haben Lukas freigelassen. Auf Kaution.“
Ein Stich durchfuhr meine Brust.
Frei. Schon wieder frei.
Ich hatte gehofft, die Nacht in einer Zelle würde ihn zur Besinnung bringen.
Doch es war Lukas, mein Sohn.
Er würde diese Zeit sicher nur nutzen, um seinen Ärger zu schüren.
Die Tür des Gasthofs öffnete sich knarrend.
Es war Thomas, der kleine Junge, dessen Eltern Mitglieder der Gemeinschaft waren.
Er war vielleicht acht Jahre alt, ein Wirbelwind aus Neugier.
Seine Augen leuchteten.
„Herr Weber! War das aufregend gestern Nacht!“, rief er und rannte zu mir.
Ich schob einen Stuhl für ihn näher heran.
„Ja, Thomas, das war es wohl“, erwiderte ich und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen.
„Ich habe noch nie so viele Polizeiautos gesehen. Haben sie die bösen Männer alle mitgenommen?“
Er sah mich mit großen, unschuldigen Augen an.
„Einige schon“, sagte ich.
„Aber die Wichtigsten sind leider wieder auf freiem Fuß.“
Thomas nickte ernst.
Er war offensichtlich noch voller Adrenalin.
„Die haben so laut geschrien. Wie die großen Jungs, wenn sie am Teufelsfelsen spielen.“
Der Name „Teufelsfelsen“ ließ mich innehalten.
Es war ein abgelegener, felsiger Vorsprung am Rande der Felder, von dem die Älteren sagten, dort wohne der Unglücksbringer.
Die Kinder wussten, dass sie dort nicht hingehen sollten.
Ich spürte, wie sich mein Nackenhaare sträubten.
„Am Teufelsfelsen?“, fragte ich langsam.
„Spielt ihr dort manchmal?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht wir. Nur Elias und die großen Jungs. Mein Vater sagt immer, das ist kein Ort für gute Kinder.“
Elias. Mein verstorbener Sohn.
Mir wurde kalt.
Elias war vor zwei Jahren gestorben.
Ein „Unglück“, so hieß es.
Er sei beim Holzsammeln gestürzt.
Die Gemeinschaft hatte es als tragischen Unfall akzeptiert.
Ich auch.
Bis jetzt.
„Was haben Elias und die großen Jungs dort gespielt?“, fragte ich, meine Stimme kaum wiederzuerkennen.
Ich versuchte, ruhig zu bleiben, aber mein Herz pochte wie wild gegen meine Rippen.
Thomas zuckte mit den Schultern.
„Ein Versteckspiel. Aber ein ganz besonderes, sagte Elias. Manchmal musste er dort ganz lange bleiben.“
„Lange bleiben?“, wiederholte ich.
Mein Blick huschte zu Frau Schmidt, die ihre Ohren gespitzt hatte.
Sie schüttelte leicht den Kopf, als wollte sie mich warnen.
Ich ignorierte sie.
„Und… was ist dann passiert?“
Thomas spielte mit einem Strohhalm, der auf dem Tisch lag.
Seine kindliche Unschuld war in diesem Moment wie ein schlagendes Schwert.
„Elias hat danach nicht mehr mitgespielt“, sagte er schließlich, ganz beiläufig.
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