Die Stille nach Lukas’ Abgang war ohrenbetäubend.
Ich spürte, wie ich zitterte, aber es war keine Angst.
Es war eine neue, kalte Entschlossenheit.
Ich musste mich fassen.
Meine erste Aufgabe war, Hauptkommissar Müller erneut aufzusuchen.
Ich fand ihn in seinem kleinen Büro in der Polizeiwache des nächsten Städtchens.
Der Raum roch nach kaltem Kaffee und abgestandenem Rauch.
Müller saß hinter seinem Schreibtisch, die Stirn in Falten gelegt.
Er schien schon auf mich gewartet zu haben.
„Herr Weber“, sagte er und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Kommen Sie zur rechten Zeit.“
Ich setzte mich.
„Ich habe Neuigkeiten“, begann ich, doch er hob eine Hand.
„Einen Moment, bitte. Ich hatte heute Morgen einen… interessanten Besucher.“
Sein Blick war unergründlich.
„Lukas Weber, nehme ich an?“, fragte ich, meine Stimme fest.
Müller nickte.
Er stützte die Ellbogen auf den Tisch.
„Ja. Ihr Sohn ist ein charmanter Mann, muss ich sagen. Sehr… überzeugend.“
„Was wollte er?“, forderte ich.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Ich ahnte Schlimmes.
Müller lehnte sich zurück in seinen Stuhl.
Ein leises Knarren.
„Er hat eine beträchtliche ‚Spende‘ für die Polizeikasse angeboten“, sagte der Kommissar.
Er betonte das Wort „Spende“ mit einer leisen Ironie.
„Verbunden mit dem Hinweis, dass die Gemeinschaft des Friedens über einige… sagen wir mal, ‚interne Angelegenheiten‘ verfügt, die das Tageslicht vielleicht nicht vertragen würden, sollte die Polizei zu ‚neugierig‘ werden.“
Mein Herz sank in meine Brust.
Eine Bestechung.
Und eine Drohung.
Lukas hatte seine Fäden schon gezogen.
„Haben Sie das Geld angenommen?“, fragte ich, meine Stimme war nun nur noch ein Flüstern.
Müller schüttelte den Kopf.
„Nein, Herr Weber. Wir sind nicht käuflich.“
Er sah mich direkt an, doch sein Blick verriet eine tiefe Ermüdung.
„Aber er hat recht. Die Gemeinschaft hat ihre eigene Art, Dinge zu regeln. Und wir haben hier auf dem Land oft mit knappen Budgets zu kämpfen.“
Ein kalter Schweiß brach mir aus.
Ich verstand.
Er hatte das Geld nicht angenommen, aber die Drohung hatte gewirkt.
Die Ermittlungen würden sich verlangsamen.
Vielleicht würden sie sogar ganz versanden.
„Das kann nicht sein“, sagte ich.
„Elias’ Tod war kein Unfall. Ich habe neue Informationen.“
Ich erzählte ihm von Thomas’ Worten, vom „Versteckspiel“ am Teufelsfelsen, von Elias, der „nicht mehr mitspielen konnte“.
Müller hörte aufmerksam zu.
Seine Miene wurde ernster.
„Ein Kindermärchen, Herr Weber“, sagte er schließlich, seine Stimme war jedoch nicht ganz überzeugend.
„Kinder haben oft eine blühende Fantasie. Und wir haben den Fall Elias Weber vor zwei Jahren gründlich untersucht. Es war ein tragischer Unfall.“
„Es war kein Unfall“, wiederholte ich.
„Lukas hat Elias’ Namen getilgt. Er trägt seine Weste wie eine Trophäe. Und er hat Thomas gedroht, weil er etwas erzählt hat.“
Müller seufzte.
Er rieb sich die Schläfen.
„Ich verstehe Ihre Sorge, Herr Weber. Aber wir brauchen handfeste Beweise. Ein Kind, das sich an ein ‚Versteckspiel‘ erinnert, ist nicht genug, um eine abgeschlossene Akte wieder zu öffnen, besonders nicht, wenn es um eine so… sensible Gemeinschaft geht.“
Er stand auf und ging zum Fenster, von dem aus man auf den Marktplatz blicken konnte.
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