Chapter 3: Geheime Recherchen

#content-1

Das Gefühl der Kälte in meinem Magen begleitete mich, als ich den Notizblock und die Quittung wieder versteckte. Ich musste mich sammeln, bevor Mama nach Hause kam. Mein Vater war am Abend für eine Geschäftsreise abgereist, was mir die nötige Zeit verschaffte.

Sobald das Haus leer war, bis auf mich selbst, holte ich die Dokumente erneut hervor. Ich legte sie auf meinen Schreibtisch, umgeben von meinen Schulbüchern, die auf einmal so bedeutungslos wirkten. Mein Tablet leuchtete im schwachen Licht meiner Schreibtischlampe.

Die Quittung zeigte den Kauf einer Substanz namens „Xylazin-Hydrochlorid“. Ich hatte den Namen noch nie gehört, doch die Art, wie Papa ihn in seinen Notizen als „Schlafmittel“ bezeichnete, ließ mich misstrauisch werden. Ich tippte den Namen vorsichtig in die Suchleiste meines Tablets ein.

Die ersten Ergebnisse waren erschreckend. Xylazin-Hydrochlorid war ein starkes Veterinär-Beruhigungsmittel, das normalerweise für Großtiere wie Pferde oder Rinder verwendet wurde. Es war kein harmloser „Schlaf-Tee“, den Anette erwähnt hatte.

Die Nebenwirkungen für Menschen waren gravierend: tiefe Sedierung, Atemdepression, starker Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen. In hohen Dosen konnte es tödlich sein. Meine Hände umklammerten mein Tablet so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten.

Ich konnte kaum glauben, was ich da las. Mein Vater hatte nicht nur ein starkes Schlafmittel gekauft, sondern eine potentiell tödliche Substanz. Eine Substanz, die er mir und Anette verabreichen ließ.

Die Wut in mir kochte hoch, heißer als alles, was ich zuvor gefühlt hatte. Er hatte Anette getäuscht, und er hatte mich getäuscht, indem er meine Tante benutzen ließ. Dies war keine „maximale Ablenkung“ mehr, dies war ein vorsätzlicher Mordversuch.

Ich schob die Quittung näher heran und verglich die Adresse des Käufers mit der auf Papas Notizblock. Der Name war ein Pseudonym – „Herr Schmidt“, stand da. Aber die Schrift, mit der die Adresse ausgefüllt war, war unverkennbar Papas.

Ich holte ein altes Geburtstagskarte hervor, die Papa mir vor ein paar Jahren geschrieben hatte. Sein „S“ war einzigartig, ein wenig zu schräg, mit einem kleinen Haken am Ende. Auf der Quittung war es genauso.

„Ich helfe Markus nur, ein Meeting zu verpassen“, hatte Anette der Polizei erzählt. Eine peinliche Situation vermeiden, das war alles, was sie im Kopf hatte. Doch Papa hatte einen viel finsteren Plan gehabt.

Die Erkenntnis war wie ein Schlag in die Magengrube. Anette war eine unwissende Komplizin, ja, aber Papa war der wahre Manipulator, der kaltblütig geplant hatte, seine eigene Familie in Lebensgefahr zu bringen. Er hatte Anettes Naivität schamlos ausgenutzt.

Ich schloss die Augen und versuchte, die Bilder aus meinem Kopf zu verbannen: Anette, die das Fläschchen in den Tee tröpfelte, Papa, der mir zunickte, dass ich auch einen Schluck nehmen sollte, der süßliche Geruch, bevor alles schwarz wurde. Er hatte uns beiden beim Trinken zugesehen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Diese Kaltblütigkeit war das Schlimmste. Es war nicht nur der Betrug, nicht nur die Gefahr, sondern die bewusste Entscheidung, uns so leiden zu lassen. Er hatte uns wie Schachfiguren auf seinem Brett behandelt, austauschbar und unwichtig.

You May Also Like

More From Author

+ There are no comments

Add yours