Am nächsten Morgen saß ich am Frühstückstisch und knetete mein Brötchen, ohne es wirklich zu essen. Meine Mutter Clara beobachtete mich besorgt, ihre Augen waren noch gerötet vom Weinen der letzten Tage. Sie schien die Stille, die zwischen uns lag, zu spüren.
„Geht es dir gut, mein Schatz?“, fragte sie sanft, ihre Stimme noch immer etwas brüchig.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Die Gedanken an Papas Notizen und das Xylazin-Hydrochlorid kreisten unaufhörlich in meinem Kopf. Ich konnte nicht einfach so tun, als sei alles in Ordnung.
Clara nahm meine Hand, ihre Berührung war warm und tröstend. „Ich weiß, das alles war schrecklich. Aber Anette wird für ihre Tat büßen, das hat Herr Richter mir versichert.“
Ich zog meine Hand leicht zurück. Die Vorstellung, dass Anette bestraft wurde, während Papa als unschuldiges Opfer dastand, war unerträglich. Aber ich konnte es ihr jetzt noch nicht sagen.
„Ich habe noch immer diesen Geruch in der Nase“, sagte ich leise, um von meinen wahren Gedanken abzulenken. Es war eine halbe Wahrheit, denn der Geruch war tief in meinem Gedächtnis verankert.
Clara seufzte. „Das ist nur die Angst, mein Liebling. Das vergeht wieder. Hauptsache, wir sind beide in Sicherheit.“
Ich nickte, doch in mir tobte ein Sturm. Meine Mutter war in ihrer Trauer und ihrem Vertrauen in das System gefangen. Sie konnte nicht sehen, was ich sah.
„Ich habe Anette im Krankenhaus angerufen“, fuhr Clara fort. „Sie ist sehr durcheinander, aber körperlich geht es ihr gut. Vielleicht sollten wir sie besuchen, wenn du dich bereit fühlst.“
Ein Besuch bei Anette? Das war es! Eine Möglichkeit, mit ihr zu sprechen, ohne dass Papa in der Nähe war. Vielleicht konnte ich sie dazu bringen, mir die Wahrheit zu sagen, oder zumindest zu erkennen, dass sie manipuliert worden war.
„Ja“, sagte ich, meine Stimme fester als erwartet. „Vielleicht sollten wir das tun.“
Clara strahlte mich an. „Das ist eine gute Idee, Lena. Dann siehst du, dass sie ihre Tat bereut und alles gut wird.“
Sie verstand es als einen Schritt zur Versöhnung, als ein Zeichen, dass ich die Angst vor Anette überwinden wollte. Ich wusste, es war etwas ganz anderes. Es war ein Schritt näher an die Wahrheit.
Ich aß mein Brötchen hastig auf. Der Gedanke, Anette zu treffen, gab mir eine neue Entschlossenheit. Ich musste nur den richtigen Moment abpassen, um meine Fragen zu stellen, ohne Clara zu beunruhigen.
Meine Mutter rief das Krankenhaus an und vereinbarte einen Besuch für den Nachmittag. Sie erzählte mir von Anettes wirren Äußerungen am Telefon, davon, wie sie immer wieder von „Schlafmittel“ und „Markus’ schlechten Träumen“ gesprochen hatte.
Clara schüttelte den Kopf. „Sie scheint wirklich durch den Wind zu sein. Wahrscheinlich quälen sie die Schuldgefühle.“
Ich hörte ihr aufmerksam zu, doch in meinem Kopf formten sich die Puzzleteile zusammen. Anette wiederholte die Lügen, die Papa ihr eingeredet hatte. Er hatte sie nicht nur benutzt, sondern auch ihre Erinnerungen an den Vorfall mit falschen Informationen gefüttert.
Diese subtile Form der Manipulation war abscheulich. Er hatte ihr nicht nur die Substanz gegeben, sondern auch die Geschichte, die sie erzählen sollte. Sie war vollständig unter seiner Kontrolle.
+ There are no comments
Add yours