Sabines Entdeckung war ein erster Lichtstrahl in der Dunkelheit. Sie wusste, dass Kroll ein Betrüger war, aber Gerhard Richters Motivation war nun klarer, wenngleich nicht entschuldbar.
Die nächste Phase ihrer Recherche führte sie noch tiefer in die Annalen des Klinikums. Sie beschloss, das historische Behandlungsarchiv zu durchsuchen, einen Ort, den kaum jemand betrat.
“Wenn Richter seine Tochter hier verloren hat”, sagte Sabine, ihre Stirn in Falten gelegt, “dann gibt es vielleicht noch mehr, das im Verborgenen liegt.”
Sie tauchte in die riesigen Regale ein, vollgestopft mit jahrzehntealten Patientenakten, manche vergilbt, andere nur noch fragile Pergamente. Der Geruch war hier noch intensiver, eine Mischung aus Desinfektionsmittel, Staub und der Geschichte unzähliger Leben.
Sie suchte nach Informationen über Herzfehler, nach allem, was mit Jonas’ Geburtsjahr zusammenhing.
Tagelang kam sie mit leeren Händen zurück, frustriert, aber nicht aufgebend.
“Dieser Ort ist ein Labyrinth”, stöhnte sie einmal, ihre Hände waren von altem Papier geschwärzt. “Nichts ist richtig katalogisiert, seit sie auf digital umgestellt haben.”
Dann, an einem späten Abend, rief sie mich an. Ihre Stimme war belegt, fast heiser vor Aufregung.
“Elena, ich habe etwas gefunden”, sagte sie. “Du musst sofort herkommen.”
Ich ließ alles stehen und liegen. Als ich im Archiv ankam, saß Sabine vor einem offenen Ordner, ein einzelner, vergilbter Brief lag vor ihr.
Er war nicht in Jonas’ Patientenakte. Er war in einem separaten Umschlag, der an einen längst vergessenen Forschungsbericht geheftet war – ein bürokratischer Fehler, der ihn jahrelang verborgen gehalten hatte.
“Er ist von Dr. Marcus Weber”, flüsterte Sabine und reichte mir das verstaubte Pergament.
Meine Hände zitterten, als ich es nahm. Die Unterschrift war unverkennbar. Dr. Marcus Weber.
Das Datum war das Jahr von Jonas’ Geburt.
Ich begann zu lesen. Der Brief war an die Leitung einer hochspezialisierten Gen-Studie in Heidelberg gerichtet, die sich auf seltene pädiatrische Gefäßerkrankungen konzentrierte.
Darin stand, dass ein Säugling mit einer sehr seltenen, potenziell lebensbedrohlichen genetischen Gefäßdisposition geboren worden war.
“Dieser Säugling”, las ich stockend, meine Kehle war wie zugeschnürt, “ist der Sohn von Dr. Elena Lindner.”
Marcus hatte beschrieben, dass die einzige Chance für Jonas eine anonyme Teilnahme an dieser damals noch experimentellen Studie war. Um die Anonymität zu gewährleisten und bürokratische Hürden zu umgehen, hatte er auf die offizielle Anerkennung der Vaterschaft verzichtet.
Der Brief erklärte, dass jede öffentliche Verbindung – sei es durch seinen prominenten Namen als Chefarzt oder durch meine Rolle als dessen Kollegin – die Teilnahme an der Studie gefährdet hätte. Die Forschungsleiter befürchteten politische Einmischung oder Misstrauen gegenüber dem Studienverlauf, wenn die Eltern zu bekannt wären.
Marcus hatte geschrieben: “Für das Überleben dieses Kindes ist es unabdingbar, dass seine Herkunft und die Identität seiner Eltern für die Dauer der Studie und darüber hinaus im Geheimen bleiben.”
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