Meine Schwester Sabine kam am Wochenende, ihre Augen blitzten vor Entschlossenheit. Sie war Rechtsanwältin und hatte sofort die Luft der Ungerechtigkeit gewittert.
“Erzähl mir alles von diesem Kroll”, forderte sie, während ich ihr einen Kaffee reichte.
Sie saß mit ihrem Laptop am Küchentisch, tippte schnell, ihre Finger flogen über die Tasten.
“Ich werde die Akten des Wohnblocks einsehen”, erklärte sie. “Diese Gutachten sind öffentlich zugänglich, wenn man weiß, wo man suchen muss.”
Sabine verschwand für Tage in den Bau- und Verwaltungsarchiven des Klinikums, die in einem muffigen Keller untergebracht waren. Der Geruch von altem Papier und Feuchtigkeit klebte an ihr, wenn sie abends zurückkam.
Sie hatte eine besondere Gabe, Details zu sehen, die andere übersahen.
An einem Abend kam sie mit einem Stapel Ausdrucke zurück, ihre Augen waren weit aufgerissen.
“Dieser Kroll”, sagte sie und schüttelte den Kopf. “Das ist ja unglaublich.”
Sie schob mir einen Ausdruck über den Tisch. Es war eine Liste von Immobilienbewertungen, die Kroll in den letzten fünf Jahren für verschiedene Klinikgebäude erstellt hatte.
Alle waren durchweg negativ, die Werte herabgesetzt, der Sanierungsbedarf als “eklatant” beschrieben.
“Er versucht, die Objekte künstlich zu entwerten”, murmelte Sabine, mehr zu sich selbst. “Damit sie günstig an Investoren verkauft werden können.”
Das war Krolls Masche. Aber das war nicht der Schock, der ihre Augen so groß gemacht hatte.
“Aber sieh dir das an”, sagte Sabine, ihre Stimme gesenkt. Sie zeigte auf ein einzelnes Dokument, das sie sorgfältig von den anderen getrennt hatte.
Es war ein alter Patientenfragebogen, datiert auf vor fünfzehn Jahren. Der Name darauf: Julia Richter.
“Richter?”, fragte ich leise. Der Nachname meines Vermieters.
Sabine nickte langsam. “Gerhard Richters Tochter.”
Sie erklärte, dass sie diese Akte in einem Stapel von alten Wohnungsanträgen gefunden hatte, die irgendwie mit den Bauplänen verknüpft waren. Ein Fehler in der Ablage, ein Zufall.
“Julia Richter starb vor fünfzehn Jahren”, las Sabine vor, ihre Stimme war nur ein Flüstern. “Hier, in Großhadern.”
Sie zeigte auf die Zeile: “Unerforschter Herzfehler.”
“Niemand wusste, was es war”, fuhr Sabine fort. “Die Ärzte waren ratlos.”
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Die Bitterkeit, die in Gerhard Richters Augen lag, sein unversöhnlicher Zorn. Es war nicht nur gegen mich gerichtet. Es hatte eine viel tiefere Wurzel.
Er hatte seine Tochter hier verloren, in diesem Krankenhaus. Und ich war eine Ärztin, die in diesem Krankenhaus arbeitete, in einer seiner Wohnungen lebte.
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