Nach der verheerenden Nachricht über Leos Zustand wusste ich, dass Lena dringend professionelle Hilfe brauchte. Sie war ein Schatten ihrer selbst, stumm und apathisch, nur ihre Augen verrieten die Qualen, die sie durchmachte. Ich arrangierte einen Termin bei einer renommierten Traumatherapeutin in der Nähe der Klinik, Frau Doktor Hoffmann. Ich hoffte, sie könnte Lena die Worte entlocken, die ich so dringend brauchte, um die Wahrheit zu erfahren.
Der Weg zur Praxis war still. Lena saß neben mir im Auto, starrte aus dem Fenster, als würde sie die Welt nicht mehr wahrnehmen. Ihre Hände zitterten leicht. Ich legte meine Hand auf ihren Arm, um ihr Trost zu spenden, doch sie zuckte leicht zusammen, wie ein scheues Reh. Die Geste tat mir weh, aber ich verstand, dass ihre Angst tiefer saß, als ich es mir je hätte vorstellen können.
Frau Doktor Hoffmann empfing uns in einem warmen, freundlichen Raum. Die Atmosphäre war das genaue Gegenteil der sterilen Klinik. Sanftes Licht fiel durch große Fenster, und Grünpflanzen schmückten die Ecken. Ich saß auf einem Sessel, während Lena auf einer Couch Platz nahm, auf der weiche Kissen lagen.
„Frau Richter, ich verstehe, dass dies eine sehr schwierige Zeit für Sie ist“, sagte Dr. Hoffmann mit einer beruhigenden Stimme. „Wir werden uns Zeit lassen. Es gibt keinen Druck, über etwas zu sprechen, wozu Sie nicht bereit sind.“
Lena nickte nur, ihre Augen waren zu Boden gerichtet. Sie wirkte so zerbrechlich, fast durchscheinend. Ihr Atem war flach und unregelmäßig. Ihre Hände kneteten unaufhörlich ein Taschentuch, das ich ihr gegeben hatte.
Ich verließ den Raum, um Lena und der Therapeutin Raum zu geben. Ich wartete in einem kleinen Wartezimmer, hörte gedämpfte Stimmen und hin und wieder ein leises Schluchzen. Jede Minute, die verging, schien eine Ewigkeit. Ich wollte Lena helfen, aber ich wusste, dass ich sie nicht zu etwas zwingen konnte, das sie nicht konnte.
Nach fast einer Stunde kam Dr. Hoffmann heraus. Ihr Blick war besorgt. „Frau Richter ist sehr traumatisiert, Herr Richter“, sagte sie leise. „Die Erlebnisse im Schuppen und die damit verbundene Isolation haben tiefe Wunden hinterlassen.“
Sie rieb sich nachdenklich das Kinn. „Sie spricht noch nicht über die genauen Umstände. Die Angst ist noch zu groß, die Blockade zu stark. Wir müssen sehr behutsam vorgehen.“
Ich nickte. „Verstehe ich. Aber sie muss reden, Dr. Hoffmann. Leo… sein Zustand ist verheerend. Ich brauche Antworten.“
„Das weiß ich, Herr Richter“, sagte sie. „Aber wir dürfen sie nicht überfordern. Das könnte ihren Zustand verschlimmern. Vertrauen und Sicherheit aufzubauen, ist jetzt das Wichtigste.“
Als Lena aus der Sitzung kam, war ihr Gesicht noch blasser als zuvor, aber ihre Augen sahen mich suchend an. Ich spürte, dass sie etwas sagen wollte.
Wir saßen wieder im Auto, als Lena plötzlich, fast unhörbar, zu sprechen begann.
„Klaus… bitte…“, flüsterte sie, ihre Stimme war brüchig. „Bitte beschütze mich vor ihr.“
Ich verfasste ein kurzes Zögern. „Vor wem, Lena? Vor Mutter?“
Sie nickte heftig, ihre Augen weiteten sich vor panischer Angst. „Vor Ursula. Sie… sie wird…“
Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie konnte sie nicht aussprechen, so sehr sie es auch versuchte. Sie schluckte, ihre Kehle war trocken. Ihre Augen huschten nervös zum Rückspiegel, als würde sie jeden Moment erwarten, dass Ursulas Gesicht darin auftauchen würde. Es war eine erschütternde Bestätigung für die Macht, die meine Mutter über sie hatte.
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