Die Tage vergingen wie in einem undurchsichtigen Schleier. Ich bewegte mich vorsichtig durch die Gemeinschaft, mein Blick stets wachsam, meine Ohren gespitzt. Jedes Lächeln, das mich nicht erreichte, jede verstohlene Geste, jede Abwendung – alles nährte mein Gefühl, in einem Netz gefangen zu sein. Konstantin vermied es nun fast vollständig, länger mit mir zu sprechen.
Er delegierte Aufgaben über Klara oder einen der Novizen, die mich mit gesenktem Kopf aufsuchten. Meine Isolation wurde immer deutlicher, die unsichtbaren Mauern um mich herum wuchsen Zentimeter um Zentimeter.
Eines Abends stand eine “Zusammenkunft der Gemeinschaft” auf dem Plan, eine Art informelles Treffen im großen Innenhof. Die Mitglieder versammelten sich um eine kleine Feuerstelle, auf der ein Kessel mit Kräutertee stand. Lieder wurden gesungen, Geschichten erzählt.
Es war eine rare Gelegenheit, sich unter die Leute zu mischen, ohne sofort unter Klara’s scharfer Beobachtung zu stehen. Ich wählte einen Platz am Rande, leicht im Schatten der großen Scheune, wo ich alles überblicken konnte.
Die Wärme des Feuers war angenehm an diesem kühlen Abend. Ich hörte dem Gesang zu, der mir einst so viel Trost gespendet hatte. Heute klang er gedämpft, fast fremd.
Ich versuchte, meine Gedanken zu beruhigen, mich auf den Moment zu konzentrieren. Doch meine Augen scannten unwillkürlich die Gesichter in der Menge. Ich suchte nach einem Zeichen, nach jemandem, der mir noch vertraute.
Dann sah ich ihn. Eine Gestalt, die sich vom Schatten der großen Eiche löste, die am äußersten Rand des Hofes stand. Er war groß, schlank, und seine Haltung war vertraut.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Es war Tobias, mein Bruder. Der Bruder, mit dem ich seit Jahren kaum ein Wort gewechselt hatte, seitdem ich der Gemeinschaft beigetreten war.
Er stand dort, scheinbar nur ein weiterer Besucher am Rande, jemand, der die Zeremonie von weitem beobachtete. Doch ich wusste, dass Tobias nie zufällig anwesend war.
Er trug einen einfachen Mantel, der ihn mit der Dunkelheit verschmelzen ließ. Sein Gesicht war ernst, seine Augen waren auf die Versammlung gerichtet.
Er sah nicht direkt zu mir, doch ich spürte seinen Blick, der mich für einen Bruchteil einer Sekunde streifte. Es war ein fast unmerklicher Blick, ohne Emotionen, ohne ein Anzeichen von Wiedererkennung.
Ich zuckte nicht, verriet meine Überraschung nicht. Ich hatte gelernt, meine Reaktionen zu kontrollieren. Doch innerlich pochte mein Herz wie ein wilder Vogel.
Was tat Tobias hier? Er hatte sich nie für die Söhne des Lichts interessiert, hatte meine Entscheidung, Konstantin zu heiraten und hier zu leben, stets mit kühler Distanz kommentiert.
Ich beobachtete ihn genauer. Er bewegte sich nicht, war völlig in seine Rolle des passiven Beobachters versunken. Doch ich sah, wie seine Augen jedes Detail aufnahmen, jedes Gesicht in der Menge.
Er war nicht hier, um sich der Gemeinschaft anzuschließen. Er war hier, um zu beobachten. Um zu ermitteln.
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