Die Tage nach Tobias’ heimlicher Beobachtung waren voller innerer Anspannung. Ich spürte seine unsichtbare Präsenz in der Gemeinschaft, auch wenn ich ihn nicht mehr direkt sah. Diese Erkenntnis gab mir eine seltsame Mischung aus Hoffnung und erhöhter Wachsamkeit. Doch gleichzeitig verstärkte sich auch das Gefühl der Isolation, das Klara um mich herum aufgebaut hatte.
Eines Nachmittags, ich saß in der kleinen Nähstube und reparierte einige Gewänder der Novizen, beschloss ich, Konstantin zu konfrontieren. Ich konnte die ständige Unsicherheit nicht länger ertragen. Ich brauchte Klarheit, selbst wenn sie schmerzhaft war.
Ich legte die Nadel und den Faden beiseite, mein Herz pochte unregelmäßig. Der Geruch von altem Stoff und Lavendel hing in der Luft. Ich stand auf und ging zu seinem Büro.
Als ich anklopfte, dauerte es einen Moment, bis er antwortete. “Herein”, sagte seine Stimme, sie klang müde.
Ich trat ein. Konstantin saß an seinem großen Schreibtisch, umgeben von Büchern und Schriftrollen. Die Sonne fiel durch das große Fenster und beleuchtete den Staub, der in der Luft tanzte.
“Konstantin”, begann ich, meine Stimme fest, “ich muss mit dir über die Feindseligkeit sprechen, die ich in der Gemeinschaft spüre.”
Er hob den Blick, seine Augen waren trüb. “Feindseligkeit, Luisa?”, fragte er, seine Stimme war sanft, fast schon mitleidig. “Ich glaube, du missverstehst die Situation.”
Er schüttelte langsam den Kopf. “Klara ist besorgt um dich”, wiederholte er die Worte, die er bereits im Gartenhaus gesagt hatte. “Sie hat das Gefühl, dass du dich immer mehr zurückziehst.”
“Ich ziehe mich nicht zurück”, entgegnete ich. “Ich werde zurückgewiesen. Die anderen meiden mich, sprechen Gerüchte über meine Vergangenheit und meine geistige Stabilität.”
Konstantin seufzte. “Das sind Missverständnisse, Luisa”, sagte er. “Du musst mehr Geduld und Demut zeigen. Diese Dinge lösen sich mit der Zeit auf.”
Er stand auf und kam um seinen Schreibtisch herum. Er legte eine Hand auf meine Schulter, sein Blick war besorgt. “Lass dich nicht von solchen Gedanken verführen. Konzentriere dich auf die Lehren des Lichts.”
Seine Worte waren wie eine kalte Dusche. Er glaubte Klara. Er sah meine Bedenken als Zeichen meiner eigenen Instabilität.
Ich spürte einen Kloß in meinem Hals. Ich wollte ihm die Wahrheit ins Gesicht schreien, ihn an seine Blindheit erinnern. Doch ich wusste, es wäre nutzlos.
Er war gefangen in Klaras Netz, ihre Lügen hatten sein Herz und seinen Geist vernebelt. Ich nickte nur kurz, ein bitterer Geschmack in meinem Mund.
“Ich werde darüber nachdenken, Konstantin”, sagte ich und zog mich aus seiner Berührung zurück. Dann verließ ich das Büro, die Tür schloss ich leise hinter mir.
Ich ging den Korridor entlang, meine Gedanken rasten. Konstantin war keine Hilfe. Ich war auf mich allein gestellt.
Später am Abend, als die Gemeinschaft in tiefer Ruhe lag, konnte ich nicht schlafen. Ich hörte gedämpfte Stimmen aus dem angrenzenden Wohnbereich, der zu Klaras und Bennos Gemächern führte. Neugierig und besorgt schlich ich mich näher heran.
Ich positionierte mich vorsichtig an einer schlecht schließenden Tür, der Spalt war kaum sichtbar. Der Raum dahinter war Klara und Bennos Studierzimmer, das sie nach Belieben umfunktioniert hatten. Ich hörte Bennos Stimme, panisch und voller Angst.
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