Ihr Ehemann beschuldigte sie der Untreue wegen eines Muttermals – doch die Wahrheit war ein dunkles Familiengeheimnis.
Nach der Entdeckung von Herrn Grubers Korruption wussten Lena und ich, dass wir nur die Oberfläche des Geheimnisses angekratzt hatten. Die Richters schützten nicht nur irgendein Familiengeheimnis – sie schützten ein *sehr altes* Geheimnis. Lena verstärkte ihre Anstrengungen, insbesondere im Kontext ihrer ursprünglichen Recherche über lokale Handwerksgilden. Sie vermutete, dass die wahre Geschichte tiefer in den Annalen der Stadtgeschichte verborgen lag, möglicherweise in privaten Archiven oder Notariatsunterlagen, die nicht öffentlich zugänglich waren.
Wir verbrachten Tage damit, in verstaubten Kisten und Archiven zu suchen, die Lena durch ihre Kontakte zugänglich gemacht hatte. Es war eine mühsame Arbeit, die oft in Sackgassen führte. Manchmal fand Lena kleine Hinweise – alte Kaufverträge, Aufzeichnungen über Landbesitz, die den Namen Richter immer wieder mit der Geschichte der lokalen Glasbläserei in Verbindung brachten. Aber der entscheidende Hinweis fehlte immer noch.
Eines Nachmittags, als wir in einem schlecht beleuchteten Raum des Stadtarchivs saßen, stieß Lena auf eine besonders dicke, mit Lederschnüren gebundene Kiste.
„Das ist interessant“, murmelte sie. „Das hier sind alte Notariatsunterlagen, die vor den Kriegen entstanden sind. Niemand hat sie seit Jahrzehnten angerührt. Normalerweise sind das nur langweilige Grundstücksangelegenheiten.“
Sie öffnete die Kiste vorsichtig, und eine Wolke von Staub stieg auf. Wir husteten beide. Innen lagen Hunderte von vergilbten, handgeschriebenen Dokumenten. Lena begann, sie durchzusehen, und sortierte dabei alles aus, was den Namen Richter enthielt. Die Stunden verstrichen, meine Augen brannten vom Lesen der altertümlichen Schrift.
Plötzlich hielt Lena inne. Ihre Finger strichen über ein besonders dickes, pergamentartiges Dokument.
„Anya, schau dir das an“, sagte sie, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Sie hielt ein Dokument hoch, das mit einem Siegel aus rotem Wachs versehen war. Der Titel lautete in geschwungener Schrift: „Testament des Kaspar Richter, Anno Domini 1789“.
Mein Herz begann zu rasen. Ein Testament aus dem 18. Jahrhundert!
Lena legte das Dokument vorsichtig auf den Tisch und begann, die verblassten Zeilen zu entziffern. Die Sprache war altmodisch, aber die Bedeutung wurde schnell klar. Es war ein detailliertes Testament, das das gesamte Vermögen des Kaspar Richter regelte, insbesondere das „Glasbläserei-Geschäft ‚Zum Halben Mond‘“.
Dann stieß Lena auf einen Abschnitt, der uns beide erstarren ließ.
Sie las laut vor: „…und das Erbe des genannten Glasbläserei-Geschäftes sowie des damit verbundenen gesamten Besitzes soll einzig und allein an den männlichen Nachfahren übertragen werden, welcher das Zeichen des Halben Mondes, ein deutlich sichtbares Muttermal auf dem Rücken, nahe der rechten Schulter, trägt. Dies ist das wahrhaftige Zeichen unserer Abstammung und der Blutsbande zu jener anderen Linie, die uns das Geheimnis der Glasbläserei einst offenbarte…“
Ich schnappte nach Luft. Das war es! Das Muttermal! Es war im Testament erwähnt!
„Die andere Linie?“, fragte ich, meine Stimme war heiser.
Lena las weiter, ihre Finger folgten den Zeilen.
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