Chapter 5: Die alten Tagebücher der Mutter

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Anja war nicht mehr so still. Ihre Neugier hatte ihre Trauer abgelöst, aber die Misstrauen gegenüber meiner Familie blieb bestehen. Ich hatte ihr grob erklärt, was Claudia getan hatte, aber die genauen Details über Lenas Existenz und die €75.000 hatte ich noch ausgelassen.

Sie saß im Wohnzimmer und blätterte durch einen Stapel alter Fotoalben. Ich hatte sie aus den Archiven meiner Eltern geholt, in der Hoffnung, dass sie sich darin verlieren könnte. Aber ich wusste, dass sie nach Antworten suchte.

„Heiner, erinnerst du dich an diese Reise nach Italien?“, fragte sie beiläufig, ohne mich anzusehen. Ihre Stimme war neutral.

„Ja“, sagte ich. „Das war kurz bevor ich Julia kennengelernt habe.“

Sie blätterte weiter. Ich spürte ihre bohrenden Blicke, auch wenn sie nicht direkt zu mir schaute.

„Ich habe noch etwas gefunden“, sagte sie plötzlich. Ihre Stimme klang anders, gespannter. „Zwischen diesen alten Steuererklärungen deines Vaters. Es ist… nicht wie die anderen.“

Sie hob ein kleines, ledergebundenes Buch hoch. Es war verstaubt, der Einband abgenutzt. Ein altmodisches Schloss hielt es zusammen. Es sah aus wie ein Tagebuch. Ich hatte es noch nie zuvor gesehen.

„Was ist das?“ fragte ich, meine Neugier war geweckt.

Anja wischte mit dem Daumen über den Einband. „Ich glaube, es ist ein Tagebuch. Von deiner Mutter.“

Ein Schock durchfuhr mich. Helga hatte ein Tagebuch? Meine Mutter, die stets so auf ihr Image bedacht war, die niemals auch nur einen Hauch von Schwäche oder privatem Gedanken nach außen dringen ließ?

„Ich habe es nicht geöffnet“, sagte Anja. „Aber ich habe es erkannt. Es ist ihre Handschrift auf dem Umschlag.“

Sie legte es vorsichtig auf den Couchtisch. Ich sah es an, meine Hand zögerte, es zu berühren. Es fühlte sich an wie ein verbotenes Objekt.

„Was glaubst du, könnte darin stehen?“ fragte ich.

Anja zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber es war so gut versteckt. Und es stammt genau aus der Zeit, als du dich von Julia getrennt hast. Das… das macht mich misstrauisch.“

Sie hatte diesen scharfen Instinkt. Ich nickte langsam.

„Wir sollten es lesen“, sagte ich.

Anja nickte. Sie nahm das Tagebuch vorsichtig in die Hand. Das Schloss war eingerostet, aber sie hatte einen kleinen Schlüssel an einem alten Schlüsselbund gefunden, den ich aus der Schublade genommen hatte. Es war der Schlüssel zu meinem alten Schreibtisch.

Das kleine Klackgeräusch, als das Schloss aufsprang, war laut in der Stille des Raumes. Anja öffnete das Tagebuch langsam. Der Geruch von altem Papier stieg uns entgegen.

Sie blätterte durch die ersten Seiten, die größtenteils von trivialen gesellschaftlichen Ereignissen handelten. Dann blieben ihre Finger an einer bestimmten Seite hängen.

„Hier“, sagte sie, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Diese Einträge… sie sind anders.“

Ich beugte mich vor. Anja begann zu lesen, ihre Stimme wurde leiser, fast ehrfürchtig.

„‚17. März… Heiners Starrsinn bereitet mir Kummer. Dieses Mädchen ist ein Hindernis für seine Zukunft. Johann ist meiner Meinung. Wir müssen handeln.‘“

Mein Magen verkrampfte sich. Meine Mutter hatte über Julia als „Hindernis“ geschrieben.

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