Der vergiftete Hochzeitsgruß: Mein Vater demütigte uns öffentlich, dann enthüllte mein Geschenk sein wahres Gesicht
Wochen vergingen, und die Frustration zermürbte mich. Hauptkommissarin Meier hatte sich nicht gemeldet. Unser Anwalt, Herr Klein, riet uns zur Vorsicht. Jeder Versuch, Rainers Machenschaften aufzudecken, traf auf eine Mauer der Ablehnung oder Gleichgültigkeit. Das Gefühl der Ohnmacht wuchs. Ich saß stundenlang da, starrte auf meine unzähligen Notizen, das digitale Kassenbuch, die vagen Spuren. Nichts schien einen Durchbruch zu bringen.
Clara versuchte, mich aufzuheitern. Sie hatte einen Teilzeitjob in einem kleinen Schreibwarenladen gefunden, um über die Runden zu kommen. Es war ein bescheidener Anfang, aber es gab ihr ein Stück ihrer Würde zurück. Doch auch sie spürte die Last des Stillstands.
„Vielleicht sollten wir wirklich aufgeben, Elias“, sagte sie eines Abends leise. „Es frisst dich auf. Und wir haben kein Geld mehr, um das weiter zu verfolgen.“
Ich konnte nicht. Nicht jetzt. Die Ungerechtigkeit war zu groß.
Um meinen Kopf freizubekommen, ging ich in ein kleines Café um die Ecke, in dem ich seit meiner Rückkehr Stammgast geworden war. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und alten Büchern lag in der Luft. Ich bestellte einen Cappuccino und setzte mich an einen Tisch am Fenster, starrte gedankenverloren auf die Regentropfen, die an der Scheibe herunterliefen.
Plötzlich hörte ich eine leise, leicht zittrige Stimme neben mir.
„Entschuldigen Sie, ist dieser Platz noch frei?“
Ich blickte auf. Vor mir stand ein älterer Herr, vielleicht Ende 60, mit einem freundlichen, aber etwas zerstreuten Gesicht. Er hielt einen zerlesenen Band mit Kriminalromanen in der Hand.
„Ja, natürlich“, sagte ich.
Er setzte sich mir gegenüber, stellte seine Tasse heiße Schokolade auf den Tisch. Er blätterte in seinem Buch, murmelte leise vor sich hin.
„Ach ja, die alten Fälle“, sagte er plötzlich. „Die waren noch richtig kompliziert. Nicht so wie heute, wo alles digital ist und man sich kaum noch an die Details erinnern muss.“
Ich lächelte höflich.
„Sie scheinen sich gut auszukennen“, sagte ich.
„Ach, ich war mein Leben lang mit Akten beschäftigt“, erwiderte er. „In einem Notariat. Habe die guten alten Zeiten vermisst, wissen Sie? Als man noch Papier in der Hand hatte.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ein Notariat. Ich hielt den Atem an.
„Welches Notariat, wenn ich fragen darf?“, fragte ich, meine Stimme war beiläufig, aber innerlich bebte ich.
„Ach, das von Herrn Dr. Richter“, sagte er. „Dr. Klaus Richter. Bis zu meiner Rente habe ich dort gearbeitet. War ein pedantischer Mensch, der Herr Doktor, aber penibel. Nur manchmal…“
Er stoppte, trank einen Schluck von seiner Schokolade.
„Nur manchmal?“, fragte ich, kaum atmend.
„Ach, das ist schon Jahre her“, sagte er, winkte ab. „Ich erinnere mich nur an einen seltsamen ‚Nachtdienst‘. Vor ungefähr zwei Jahren müsste das gewesen sein. Der Herr Doktor war in Eile. Druck. Er sagte, es sei dringend. Ein großer Deal. Ich sollte einen Stapel Dokumente stempeln. Ohne vollständige Prüfung. Das war gegen das Protokoll.“
Mein Blut gefror in den Adern. Zwei Jahre. Das war genau der Zeitraum von Rainers Scheidung.
„Ohne vollständige Prüfung? Und die Dokumente?“, fragte ich, meine Stimme war nur noch ein Flüstern.
„Ach, die wurden später aus dem Archiv entfernt“, sagte er achselzuckend. „Der Herr Doktor meinte, es wäre ein Fehler gewesen. Aber ich habe sie gestempelt, so wie er es verlangt hat. Ich sollte mich um die Nummerierung kümmern. Das war meine Aufgabe.“
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