Herr Fischer wühlte weiter in seinen Archiven, seine Bewegungen waren von einer nervösen Eile geprägt. Er zog dicke Aktenordner heraus, blätterte hastig darin und schob sie dann wieder beiseite. Der Duft von altem Papier erfüllte den Raum.
„Die Ehrenstein-Klausel… ich bin sicher, ich habe sie irgendwo abgelegt“, murmelte er. „Aber sie ist so alt, ich habe sie nie für relevant gehalten.“
Eva und ich saßen schweigend da und beobachteten ihn. Die Spannung in der Luft war greifbar.
Jeder Ordner, den er zurücklegte, war ein kleiner Sieg für unsere Sache, ein Beweis dafür, dass er nicht einfach aufgeben würde. Er wusste, dass er nun in der Pflicht stand.
Schließlich erreichte er das unterste Fach des Schranks, das von einer dicken Staubschicht bedeckt war. Er beugte sich hinunter und zog einen unscheinbaren, ledernen Ordner hervor.
Das Leder war rissig, die Farbe verblasst. Auf dem Rücken war ein vergoldetes Siegel eingeprägt: das Wappen der Ehrensteins, ein Kranich mit einem Stein in der Kralle.
„Dieser Ordner…“, murmelte Herr Fischer. Seine Augen weiteten sich leicht. „Ich hatte ihn ganz vergessen. Er gehörte meinem Vater. Er hat ihn immer als ,Sondersammlung‘ bezeichnet.“
Er legte den Ordner vorsichtig auf den Schreibtisch. Der Staub wirbelte auf und glitzerte im Licht.
Mit zitternden Fingern öffnete er den Ordner. Innen lagen mehrere vergilbte Dokumente, handgeschrieben auf Pergament.
Das oberste Dokument war eine aufwendig kalligrafierte Urkunde. Ihre Überschrift war in Latein verfasst, aber darunter stand in klarer deutscher Kurrentschrift: „Die Ehrenstein-Klausel. Festgelegt im Jahre 1785 durch Elisabeth von Ehrenstein.“
Ich spürte, wie mir der Atem stockte. Hier war es. Das Original, oder zumindest eine sehr alte Kopie.
Herr Fischer schob mir das Dokument vorsichtig zu. Meine Finger strichen über das raue Pergament, über die elegante, altmodische Schrift.
Die Klausel war lang und detailliert. Sie beschrieb die Verpflichtungen der „Tochter des Hauses“, um das „Wohl des Anwesens“ zu sichern.
Es ging um die Pflege des Hauses, um die Loyalität zur Familie, aber auch um „Darbringungen“ und „Opfer“, die über das Materielle hinausgingen. Sie waren in einer obskuren, fast poetischen Sprache formuliert.
Ich las die Worte, und mein Herz begann, immer schneller zu schlagen. „Die Tochter des Hauses soll mit Blut und Geist dem Anwesen dienen, damit sein Glanz nicht vergehe und seine Wurzeln fest bleiben.“
Blut und Geist? Das war keine rein finanzielle Verpflichtung. Das war etwas viel Tiefgreifenderes.
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