Ich saß mit Eva in meinem Apartment, die vergilbte Ehrenstein-Klausel lag zwischen uns auf dem Tisch. Das Pergament raschelte leise, als Eva es vorsichtig glattstrich.
„Die Sprache ist archaisch“, sagte sie. „Aber mit Ihrer Expertise in alten Schriften werden wir das entschlüsseln können, Lena.“
Ich nickte. Meine Hände strichen über die feine Kalligrafie, ich spürte die Linien der Tinte unter meinen Fingerspitzen.
„Hier steht: ,Die Lebensessenz des Anwesens wird genährt durch das Blut der Jungfrau.‘“, las ich vor, meine Stimme war leise. „Blut der Jungfrau. Das klingt… sehr spezifisch.“
„In alten Texten kann ,Blut der Jungfrau‘ metaphorisch gemeint sein“, erklärte Eva. „Es könnte die reine, unverdorbene Linie der weiblichen Nachkommenschaft bedeuten. Die ,Erstgeborene‘ oder die ,Reinste‘ in ihrer Hingabe.“
Ich dachte an meine Rolle als „Tochter des Hauses“, die jahrelang die finanziellen Lasten getragen hatte. Ich war diejenige, die sich „aufopferte“.
„Es geht also nicht nur um Geld“, murmelte ich. „Es geht um eine Art Hingabe. Spirituell, emotional.“
Eva nickte. „Genau. Und hier, dieser Absatz, ist in einer noch obskureren Symbolsprache verfasst. Fast wie eine Chiffre.“
Ich beugte mich näher über das Pergament. Meine Augen folgten den verworrenen Linien und Symbolen, die in den Text eingewoben waren.
Es war eine Form von Okkultschrift, die ich aus meinen Studien der regionalen Folklore kannte. Sie wurde oft verwendet, um geheime Bedeutungen zu verbergen, die nur Eingeweihte verstehen sollten.
Ich begann, die Symbole zu übersetzen, ein Wort für das andere. Die ersten Zeilen waren mühsam, doch dann fand ich einen Rhythmus.
„Wenn das Gleichgewicht gestört wird“, las ich vor, meine Stimme war fest, „wenn die Darbringung der Tochter ausbleibt und die Loyalität zum Blut schwindet, wird der Geist des Hauses das entziehen, was ihm verwehrt wurde.“
Ich stockte, mein Blick huschte über die nächsten Zeilen. Der Atem stockte mir.
„Dies manifestiert sich in materiellem und spirituellem Verfall. Der Reichtum wird zu Asche, der Schutz zu Staub, und die Seele des Hauses wird nach ihrer Essenz greifen, um sich zu erneuern.“
Eva legte die Hand auf meinen Arm. „Seele des Hauses. Das bestätigt meine Vermutung. Es ist ein lebendiger Entität, die an diesen Pakt gebunden ist.“
Die Worte des Paktes waren eine direkte Warnung. Der materielle Verfall, den meine Familie erlebte – der heruntergefallene Kronleuchter, die sich abblätternde Farbe an den Wänden – war nicht nur eine Folge der fehlenden Zahlungen.
Es war eine Manifestation des Geistes, der sich nahm, was ihm verwehrt wurde. Und die „Essenz“, nach der er griff, war die „Lebensessenz“, die durch das „Blut der Jungfrau“ genährt wurde.
„Meine Mutter hat das nie verstanden“, sagte ich leise. „Sie hat es immer nur als eine finanzielle Verpflichtung gesehen.“
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