Ein Jahr später.
Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte unsere kleine Küche. Es regnete draußen, ein sanftes Rieseln gegen die Fensterscheibe. Ich saß am Küchentisch, während meine Mutter und Lotte sich für den Tag fertig machten. Die Wohnung war einfach, aber sie war unser Zuhause.
Meine Narben waren verheilt, weich und rosig, aber immer noch deutlich sichtbar. Sie waren ein Teil von mir geworden. Ich berührte unwillkürlich eine Linie entlang meiner Wange. Es tat nicht mehr weh.
„Helga, bist du bereit für heute Abend?“, fragte Lotte, als sie hereinkam.
Sie sah strahlend aus in ihrem neuen Kleid, das sie sich von meinem Gesangsgeld gekauft hatte.
„Ja, Lotte, ich bin bereit“, sagte ich.
Ich schenkte mir eine Tasse dampfenden Kaffee ein und spürte die Wärme der Tasse in meinen Händen. Der Regen hatte etwas Beruhigendes.
„Du hast wieder so schön gesungen gestern“, sagte meine Mutter, die sich an den Tisch setzte.
Ihre Gesundheit war stabiler geworden, seit die finanzielle Last nicht mehr so drückte.
„Die Leute lieben deine Lieder. Es ist so anders jetzt.“
Sie nickte bedächtig.
Ich nickte. Ich hatte wieder angefangen zu singen. Nicht im „Goldenen Hirsch“, dafür war es noch zu früh, zu viele Erinnerungen. Aber in kleineren Lokalen, in intimeren Rahmen. Meine Stimme hatte sich verändert. Sie war tiefer geworden, reifer, mit einer Melancholie, die das Publikum tief berührte. Ich sang nicht mehr nur, ich erzählte Geschichten. Meine Geschichten.
„Klaus… man hört nichts mehr von ihm, nicht wahr?“, fragte Lotte zögernd.
Meine Mutter schob ihr eine Scheibe Brot zu.
„Er ist aus der Stadt weg. Und seine Geschäfte sind ruiniert“, sagte meine Mutter.
Ich wusste es. Die Bloßstellung in seinem eigenen Büro, Gretas Abkehr, das durchgesickerte Gerede über seine korrupten Methoden – all das hatte seinen Ruf als angesehener Geschäftsmann zerstört. Die Banken hatten ihm das Vertrauen entzogen, seine Partner hatten sich abgewandt. Er war gefallen.
Doch rechtlich belangt wurde er nie für den Angriff. Hauptmann Schmidt und seine Verbindungen hatten dafür gesorgt. Die Polizei hatte den Fall ad acta gelegt, als „Unfall mit unbekanntem Täter“. Eine offene Wunde in meinem Gerechtigkeitssinn, die nie ganz verheilen würde.
Ich blickte aus dem Fenster auf den regenverhangenen Himmel. Die kalte Tasse war warm in meinen Händen. Ich hatte meine persönliche Rache bekommen. Klaus hatte alles verloren, was ihm wichtig war: sein Ansehen, seine Macht. Das war eine Form der Gerechtigkeit. Aber es war nicht die Art von Gerechtigkeit, die alle Wunden heilt.
„Es ist genug, Lotte“, sagte ich.
„Er hat bekommen, was er verdient hat.“
Ich schluckte einen Schluck Kaffee.
Es gab keine großen Enthüllungen mehr. Keine strafende Hand des Gesetzes, die ihn ins Gefängnis brachte. Nur der Zusammenbruch seiner Welt, meiner Welt. Und ein Neuanfang.
Ich dachte an die Zeit, als ich im Krankenhaus aufgewacht war, mein Gesicht in Verbänden, und seine grausamen Worte hörte. Ich hatte damals geschworen, Rache zu nehmen. Ich hatte es getan. Doch die wahre Gerechtigkeit lag nicht nur in der Bestrafung des Schuldigen. Sie lag auch darin, wie man selbst danach weiterlebte.
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