Chapter 8: Leos Angst

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Richters verschärfte Überwachung und seine dunklen Predigten hinterließen Spuren in der gesamten Gemeinschaft, aber besonders spürbar waren sie bei den Schwächsten. Mein jüngerer Bruder Leo, der noch so unschuldig war und die komplexen Machenschaften nicht verstehen konnte, wurde zusehends ängstlicher. Er zog sich immer mehr zurück, spielte weniger, sprach kaum noch. Seine leuchtenden Kinderaugen waren oft von einer beunruhigenden Wolke der Furcht überschattet.

Eines Abends, als ich Leo ins Bett brachte, kuschelte er sich fest an mich. Seine kleinen Hände klammerten sich an mein Hemd.

“Elara?”, flüsterte er, seine Stimme war dünn und zitterte leicht.

“Ja, mein Schatz?”, fragte ich, strich ihm sanft über das Haar.

“Herr Richter… er hat mich gefragt.”

Mein Herz machte einen Satz.

“Was hat er dich gefragt, Leo?”

Leo presste seine Lippen zusammen, als würde er sich schämen.

“Er hat gefragt, was du so machst. Wo du hingehst. Ob du ‘böse Gedanken’ hast.”

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Richter hatte Leo benutzt, um Informationen über mich zu bekommen. Er hatte meinen kleinen Bruder eingeschüchtert. Das war ein besonders perfider Akt der Grausamkeit, der mir direkt in die Seele schnitt. Richter zielte auf meine Familie, auf meine Schwachstellen.

“Was hast du ihm gesagt?”, fragte ich, meine Stimme war sanft, um ihn nicht zu erschrecken.

“Nichts. Ich habe gesagt, du liest nur Bücher und hilfst Mama.”

Er hatte mich nicht verraten. Mein kleiner Bruder, der so ängstlich war, hatte Richter standgehalten. Ein kleiner Akt des Widerstands, der mich gleichzeitig stolz und tieftraurig machte.

“Und was hat er dann gesagt?”, fragte ich.

Leo zitterte leicht.

“Er hat gesagt, ‘böse Gedanken’ könnten der ganzen Familie schaden. Dass man aufpassen muss, nicht vom Pfad abzukommen. Sonst… sonst wird man einsam.”

Richter hatte ihm Angst eingejagt. Er hatte Leos kindliche Furcht vor Einsamkeit und Verlust ausgenutzt, um Druck auf mich auszuüben. Es war eine schmutzige Taktik, die mich bis ins Mark erschütterte. Die Vorstellung, dass mein Bruder wegen meiner Suche nach der Wahrheit litt, war kaum zu ertragen.

“Das ist nicht wahr, Leo”, sagte ich, umarmte ihn fest. “Niemand wird dich einsam machen. Und du bist nicht böse.”

Aber Leo schien meinen Worten nicht ganz zu glauben. Seine Augen waren immer noch voller Furcht. Er verstand die Drohung. Und er war nur ein Kind.

Als Leo schließlich einschlief, saß ich noch lange an seinem Bett. Die Wut in mir kochte über. Richter hatte eine Grenze überschritten. Er hatte ein unschuldiges Kind missbraucht, um seine Macht zu demonstrieren. Das war der persönlichste Angriff von allen. Es war nicht nur ein institutionelles Unrecht, es war eine abscheuliche, private Grausamkeit.

Meine Entschlossenheit, Richter zu Fall zu bringen, wurde durch Leos Angst noch einmal verstärkt. Ich konnte nicht länger warten. Ich musste ihn schnell entlarven, um meine Familie zu schützen, bevor Richter noch mehr Schaden anrichtete. Die Zeit, die wir hatten, schien uns zwischen den Fingern zu zerrinnen.

Ich wusste, dass Herr Klaus auf Beweise wartete, die Richter überführen würden. Die Angst um Leo trieb mich an, diese Beweise um jeden Preis zu finden. Die Suche nach Frau Meiers Handy, die ich bereits in Betracht gezogen hatte, wurde jetzt zu einer dringenden Notwendigkeit. Ich würde alles tun, um Richter das Handwerk zu legen.

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