Die Spannung in der Gemeinschaft war unerträglich. Richters Überwachung war allgegenwärtig, und Leos Angst spornte mich an. Ich musste schnell handeln, und der Gedanke an Frau Meier ließ mich nicht los. Ihre abweisende Art am Telefon, ihre Geheimniskrämerei – sie war der Schlüssel.
An diesem Nachmittag hatte Frau Meier eine unerwartete Besprechung mit Richter. Ich sah sie in Richters Büro verschwinden, eine Ledertasche in der Hand, ihr Gesicht war wie immer ausdruckslos und professionell. Ich wusste, dass diese Treffen immer kurz waren, immer diskret.
Als sie etwa zwanzig Minuten später das Büro wieder verließ, sah sie hastig und etwas fahrig aus. Sie hatte die Ledertasche fest im Griff, doch irgendetwas fehlte. Ihr Handy! Ich hatte es bemerkt, weil sie es sonst immer demonstrativ in der Hand hielt oder an ihrem Gürtel trug.
Ich wartete, bis sie die Gemeinschaft verlassen hatte. Dann schlich ich zur Rezeption des Gemeinschaftshauses. Dort, auf dem Tresen, direkt neben dem Gästebuch, lag es: Frau Meiers Smartphone. Sie hatte es eindeutig in ihrer Eile vergessen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Das war unsere Chance.
Ein alter, verblichener Teppich zierte den Boden des Rezeptionsbereichs. Ein kleines, handgemaltes Schild, auf dem “Reinheit des Geistes” stand, schmückte die Wand. Das vergessene Handy lag wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung, ein Stück der Außenwelt, das hier nicht hingehörte.
Ich schnappte es mir, meine Handflächen schwitzten. Der Bildschirm war gesperrt, ein Zahlencode forderte mich auf, das Handy zu entsperren. Ich wusste, dass es fast unmöglich sein würde, den Code zu erraten. Die meisten Menschen wählten komplexe Passwörter.
Ich versteckte das Handy in meiner Tasche und eilte zu Herrn Klaus. Er saß in der kleinen Bibliothek, tat so, als würde er in einem alten Buch blättern, doch ich sah die Anspannung in seinen Schultern.
Ich legte das Handy leise auf den Tisch vor ihn. Er sah es an, dann mich, seine Augen waren voller Fragezeichen.
“Frau Meiers Handy”, flüsterte ich. “Sie hat es an der Rezeption vergessen.”
Ein Funkeln der Hoffnung blitzte in seinen Augen auf, gefolgt von sofortiger Besorgnis.
“Aber es ist gesperrt”, sagte er. “Wir können es nicht öffnen.”
Ich nickte. Ich hatte genau das gleiche Problem.
“Es gibt ein Gerücht”, begann Herr Klaus plötzlich, seine Stimme war leise und nachdenklich. “Ich habe es vor einiger Zeit in den Gängen gehört. Frau Meier soll angeblich… nun ja, nicht die größte Sorgfalt bei ihren Passwörtern walten lassen.”
Er zögerte, als würde er sich an etwas erinnern.
“Ich habe gehört, sie benutzt oft Daten, die leicht zu erraten sind. Ihr Geburtsjahr, zum Beispiel.”
Mein Blick traf seinen.
“Ihr Geburtsjahr?”, fragte ich ungläubig. “Woher wissen wir das?”
Herr Klaus zuckte mit den Schultern.
“Ich erinnere mich an eine alte Mitgliederliste, in der auch die Geburtstage unserer externen Dienstleister vermerkt waren. Ich meine mich zu erinnern, dass sie Jahrgang 1971 war.”
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