Neun Tage später. Mia saß am Küchentisch in meinem gemütlichen Haus, das etwas außerhalb des Dorfes lag. Die Sonne fiel durch das Fenster und tauchte den Raum in ein warmes Licht. Sie malte mit leuchtenden Wasserfarben ein Bild für ihre Oma Helga. Bunte Schmetterlinge tanzten auf dem Papier, umgeben von lila Blumen. Ihre Zunge steckte konzentriert aus dem Mundwinkel.
Ich stand am Fenster und telefonierte. Es war Frau Gruber.
„Herr Richter, ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass die Anklage gegen Thomas Richter und Herrn Schmidt offiziell erhoben wurde“, sagte sie.
„Die Beweismittel sind stichhaltig, und wir sind zuversichtlich, dass es zu einer Verurteilung kommen wird. Die Vormundschaft für Mia ist ebenfalls auf einem guten Weg, die nötigen Papiere werden in Kürze durch sein.“
„Danke, Kommissarin“, sagte ich.
„Ich bin froh, dass es vorangeht.“
„Es war ein schwieriger Fall“, sagte sie.
„Aber Sie haben Mut bewiesen, Herr Richter. Nicht viele Väter hätten so gehandelt.“
„Ich habe es für Mia getan“, erwiderte ich.
Ich legte auf und drehte mich um. Mia bemerkte mich nicht, vertieft in ihre Welt der Farben. Ihr kleiner Mund formte ein leises Summen. Es war ein einfacher Klang, aber er erfüllte den Raum mit einer Wärme, die ich lange vermisst hatte.
Ich ging leise zum Tisch.
„Was malst du Schönes?“, fragte ich.
Mia hob ihren Kopf, ihre Augen strahlten.
„Für Oma Helga“, sagte sie.
„Sie mochte doch Schmetterlinge. Ich hoffe, sie sieht es.“
Ich legte meinen Arm um ihre Schulter. Sie lehnte sich an mich. Ich spürte, wie sich eine tiefe, beruhigende Ruhe in mir ausbreitete. Der Schmerz über den Verrat meines Sohnes war noch da, ein dumpfes Echo, aber er wurde überlagert von der Gewissheit, Mia gerettet zu haben.
Ich ging zum Regal, wo ein altes Foto von Helga stand. Sie lächelte darauf, ihr Blick warm und gütig. Ich nahm es in die Hand, betrachtete es einen Moment. Dann stellte ich es neben Mias Zeichnung auf den Tisch. Die bunten Schmetterlinge und das sanfte Lächeln Helgas waren nun vereint.
„Ich glaube, sie sieht es, mein Schatz“, sagte ich zu Mia.
„Und sie ist sehr stolz auf dich.“
Mia lächelte, dieses unschuldige, herzliche Lächeln, das die Dunkelheit der letzten Wochen vertrieb. Ich legte meine Hand sanft auf ihren Kopf, spürte das weiche Haar unter meinen Fingern. Es war eine Geste der Verbundenheit, ein Versprechen für die Zukunft.
Manchmal ist der Schutz der Unschuldigen eine härtere Prüfung als die Trauer um die Verlorenen.
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