Nach der Präsentation der manipulierten Bilder und Jens’ Zeugnis war die Atmosphäre im Gerichtssaal elektrisiert. Eva Brandls Gesicht war nun kreidebleich, und sie saß steif neben Dr. Kohl, ihre Augen starrten ins Leere. Der Richter rief Frau Becker auf, ihren nächsten Zeugen vorzustellen.
„Die Verteidigung ruft Frau Theresa Schulz in den Zeugenstand.”
Ein noch größeres Raunen ging durch den Saal. Eva Brandl zuckte zusammen, als sie den Namen hörte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Theresa Schulz, ihre ehemalige Nanny, hier erscheinen würde. Ihr Blick traf den von Dr. Kohl, der ebenfalls völlig überrascht wirkte. Die Verzweiflung, die sich in Evas Gesicht spiegelte, war nun unübersehbar.
Theresa trat vor, ihre Hände zitterten leicht, aber ihr Gang war fest. Sie trug eine schlichte Bluse und einen Rock, ihre Haare waren ordentlich zurückgebunden. Sie sah nicht auf Eva Brandl, als sie am Zeugenpult vorbeiging. Sie legte den Eid ab, ihre Stimme war leise, aber klar und verständlich.
„Frau Schulz”, begann Frau Becker, ihre Stimme war sanft und ermutigend. „Könnten Sie dem Gericht bitte Ihre frühere Anstellung bei Dr. Eva Brandl erläutern?”
Theresa nickte. „Ich war von 2017 bis 2021 als Nanny für Dr. Brandl tätig. Ich habe mich um ihre beiden Kinder, Mia und Finn, gekümmert.”
„Und könnten Sie uns etwas über den Umgang von Dr. Brandl mit ihren Kindern erzählen?”, fragte Frau Becker.
Theresa atmete tief ein. Ihre Augen schimmerten, als sie begann zu sprechen. „Sie war… nicht die Mutter, die sie im Fernsehen vorgibt zu sein. Sie hat die Kinder oft angeschrien, besonders wenn sie nicht perfekt waren. Ihre Priorität war immer ihr Image, nicht das Wohl ihrer Kinder.”
Eva Brandl verzog das Gesicht. Dr. Kohl versuchte, Einspruch zu erheben, doch der Richter winkte ab. Theresas Aussage hatte eine emotionale Wucht, die den ganzen Saal ergriff.
„Können Sie uns ein spezifisches Beispiel geben?”, fragte Frau Becker.
Theresa nickte. „Ja. Es gab einen Vorfall im März 2019. Mia war damals sieben Jahre alt. Sie hatte in einem Interview mit einer Kinderzeitschrift gesagt, dass sie am liebsten Pizza isst. Eva hatte ihr aber beigebracht, dass sie sagen sollte, dass sie ‚gesunde Gemüsesticks’ liebt, weil das besser für ihr Image als ‚Lifestyle-Expertin’ war.”
Sie machte eine kurze Pause, ihre Stimme brach leicht. „Eva war außer sich. Sie hat Mia vor meinen Augen angeschrien und sie in ihr Zimmer gesperrt. Sie sagte, Mia hätte ihr Image ruiniert und sei eine undankbare Göre.”
Das war die persönliche Grausamkeit, die Evas Scheinwelt durchzog. Die Misshandlung ihrer eigenen Tochter, um eine kleine Lüge über ihr Essverhalten aufrechtzuerhalten. Das spezifische Datum und der genaue Vorfall gaben Theresas Aussage eine unbestreitbare Glaubwürdigkeit.
„Sie hat sie für mehrere Stunden eingesperrt?”, fragte Frau Becker mitfühlend.
„Ja”, sagte Theresa. „Ich musste Eva versprechen, niemandem davon zu erzählen. Sie hat mir gedroht, mich zu verklagen und meinen Ruf zu zerstören, wenn ich ein Wort sage. Sie hat mir die Vertraulichkeitsvereinbarung gezeigt und auf die hunderttausend Euro Strafe hingewiesen.”
Eva Brandls Gesicht wurde fahl. Ihre Hände zitterten leicht. Die Wahrheit, die sie so lange verborgen hatte, kam nun ungeschminkt ans Licht. Die Anwesenheit Theresas hatte sie nicht nur überrascht, sondern auch tief verunsichert. Die Zuhörer waren schockiert, das leise Murmeln im Saal schwoll an.
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