Die Begegnung mit Pastor Reiner hatte mir eine bittere Erkenntnis gebracht: Ich durfte nicht mehr auf die Gemeinschaft zählen.
Auch die staatlichen Behörden schienen in diesem Dickicht von Geheimnissen und Drohungen nur zögerlich vorzugehen.
Ich musste einen anderen Weg finden.
Mein Herz war schwer, als ich am nächsten Tag zum Markt in die nächste Stadt fuhr.
Die frische Luft und das geschäftige Treiben sollten meinen Kopf klären, doch die Gedanken an Elias, an Lukas’ Kälte und die verschlossenen Türen der Gemeinschaft lasteten schwer auf mir.
Ich schlenderte durch die Reihen der Stände, vorbei an Bauern, die ihr Gemüse feilboten, und Handwerkern, die ihre Waren priesen.
Ich brauchte etwas Ablenkung.
Plötzlich hörte ich einen Namen, der mir vertraut vorkam.
„Lena! Lena Brandt!“
Eine Frau mit hellen, wachen Augen und einem freundlichen Lächeln drehte sich um.
Sie war etwas jünger als ich, vielleicht Mitte vierzig.
Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, aber ich konnte es nicht sofort zuordnen.
Sie war es, die gerade angesprochen wurde.
Lena Brandt.
Ich kannte diesen Namen aus meiner Jugend, aber sie hatte die Gemeinschaft schon vor vielen Jahren verlassen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie noch einmal gesehen hatte.
Sie sah mich ebenfalls an.
Ein Moment der Unsicherheit.
Dann ein Lächeln.
„Herr Weber? Wilhelm Weber?“, fragte sie.
Ihre Stimme war sanft, aber klar.
„Ich bin Lena. Lena Brandt. Ich war mal in der Gemeinschaft. Lange her.“
Ein Funke der Erinnerung sprang über.
Ich kannte ihre Familie.
Sie war damals ein junges Mädchen gewesen, still und beobachtend.
„Lena!“, sagte ich, mein Herz machte einen kleinen Sprung.
„Ich erinnere mich. Sie haben uns vor vielen Jahren verlassen, nicht wahr?“
Sie nickte.
Ihr Lächeln wurde ein wenig melancholisch.
„Ja. Meine Eltern sind geblieben. Aber ich… Ich konnte es nicht mehr.“
Wir unterhielten uns eine Weile über alte Zeiten, über die Gemeinschaft, über die Veränderungen im Dorf.
Ich merkte, dass sie eine ungewöhnliche Perspektive hatte.
Sie kannte unsere Welt, war aber nicht mehr Teil davon.
Sie war wie eine Brücke.
Ich spürte, dass ich ihr vertrauen konnte.
„Es gab gestern Nacht einen Vorfall in der Gemeinschaft“, sagte ich schließlich.
Meine Stimme sank.
„Die Polizei musste eingreifen.“
Lena’s Augen weiteten sich leicht.
„Ich habe davon gehört. Auf dem Land spricht sich so etwas schnell herum. Es tut mir leid, dass Sie das durchmachen müssen.“
„Es geht um meinen Sohn Lukas“, fuhr ich fort.
„Und um Elias. Meinen verstorbenen Sohn.“
Ich erzählte ihr von Lukas’ radikaler Gruppe, von der Schlägerei, von der Weste.
Und dann, zögernd, erzählte ich ihr von Thomas’ beiläufiger Bemerkung.
Vom „Versteckspiel“ am Teufelsfelsen und Elias, der „nicht mehr mitspielen konnte“.
Lena hörte aufmerksam zu.
Ihr Gesicht wurde ernst.
„Das ist sehr beunruhigend, Herr Weber“, sagte sie.
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