Ein kalter Schauer lief Markus über den Rücken, als er das Büro von Ältestem Werner Lehmann betrat. Der Raum war spartanisch eingerichtet, die Wände kahl, nur ein großes, schweres Holzkreuz hing über dem Schreibtisch. Ältester Lehmann saß dort, seine Hände vor sich gefaltet, sein Blick unerbittlich.
Es war eine Atmosphäre, die Markus schon als Kind gefürchtet hatte – der Ort, an dem Sünden gewogen und Urteile gefällt wurden.
„Markus“, sagte Ältester Lehmann, seine tiefe Stimme hallte im Raum wider. „Setzen Sie sich.“
Markus gehorchte, seine Handflächen waren schweißnass. Er hatte gehofft, Lena wäre bei ihm, aber sie hatte sich geweigert und gesagt, das sei eine „Männersache“. Eine weitere kleine, aber schneidende Zurückweisung.
„Es gibt beunruhigende Nachrichten“, fuhr der Älteste fort. „Gerüchte erreichen mich. Gerüchte über… Unregelmäßigkeiten in Bezug auf Ihre jüngste Scheidung und die Geburt eines Kindes.“
Markus räusperte sich, um seine Stimme zu finden. „Ältester, es gibt eine Erklärung. Meine Ex-Frau, Clara, versucht mich zu diskreditieren. Sie ist… rachsüchtig.“
Ältester Lehmanns Blick wurde schärfer. „Wir sind nicht hier, um über persönliche Befindlichkeiten zu sprechen, Markus. Wir sprechen über die Einhaltung unserer heiligen Statuten.“
Markus spürte einen Kloß im Hals. Er hatte gehofft, mit Lenas Strategie durchzukommen, Clara als die Böse darzustellen. Doch der Älteste ließ sich nicht so leicht manipulieren.
„Ich habe die Scheidungspapiere und die damit verbundenen Klauseln geprüft“, sagte Ältester Lehmann. „Ich habe auch die Notiz über die Geburt eines Kindes erhalten.“
Er blickte Markus direkt an. „Ein Kind, das laut unseren internen Aufzeichnungen innerhalb der gesetzlich relevanten Frist nach Ihrer Scheidung geboren wurde.“
Markus zappelte auf seinem Stuhl. „Das ist alles ein Missverständnis. Clara…“
„Markus, schweigen Sie“, sagte der Älteste mit einer unmissverständlichen Autorität. „Ich habe bereits mit Ihrer Anwältin gesprochen. Sie bestätigt die Gültigkeit der Dokumente, die Ihre Ex-Frau vorgelegt hat.“
Dieser Satz traf Markus wie ein Schlag in die Magengrube. Frau Gruber hatte sich also nicht auf seine Seite geschlagen. Das war ein schwerer Verrat.
„Unsere Statuten sind klar“, fuhr Ältester Lehmann fort. „Ein Mitglied in Ihrer Position, insbesondere ein Erbe, muss in allen Belangen rein sein. Sowohl im Geist als auch in der Familie.“
Er legte eine dicke, ledergebundene Ausgabe auf den Tisch. Markus erkannte sie sofort: die interne Satzung der Reinen Bruderschaft. Das Buch, das Clara im Archiv gelesen hatte.
„Die Existenz eines potenziell unehelichen Kindes – eines Kindes, das nach der Scheidung, aber noch innerhalb der rechtlichen Frist geboren wurde – stellt einen schweren Verstoß dar“, erklärte der Älteste. „Es wirft einen Schatten auf Ihre Reinheit und auf das Ansehen der gesamten Bruderschaft.“
Markus versuchte, etwas zu sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er war gefangen.
„Und da ist noch die Angelegenheit Ihres Erbes“, fuhr Ältester Lehmann fort. „Das Vermögen Ihrer Tante Helene.“
Markus spürte, wie sein Blut in den Adern gefror. Die 380.000 Euro, die seine Tante ihm vermachen wollte, waren seine Zukunft gewesen. Der Schlüssel zu seinem Status, zu Lenas Akzeptanz.
+ There are no comments
Add yours