Mutter deckt Verlobte ihres Sohnes auf, entdeckt aber eine noch schlimmere Wahrheit über ihn
Die Worte von Herrn Baumann hallten in Renates Kopf wider, als sie Lars’ Wohnung betrat.
Ein beklemmendes Gefühl der Dringlichkeit trieb sie an.
„Manchmal schreiben sie Dinge auf“, hatte er gesagt.
Diese vage Möglichkeit war nun ihr einziger Hoffnungsschimmer.
Sie w hatte sich einen Zweitschlüssel beschafft, den Lars ihr einmal für Notfälle anvertraut hatte.
Jetzt fühlte sie sich wie eine Einbrecherin in ihrem eigenen Haus, in dem Haus ihres Sohnes.
Sie kannte Lars’ Wohnung gut, jeden Winkel.
Sie ging direkt zu seinem Arbeitszimmer, einem Ort, den er sorgfältig geordnet hielt, ein Spiegelbild seiner eigenen akribischen, wenn auch moralisch fragwürdigen, Ambitionen.
Das Zimmer war aufgeräumt, die Schreibtischplatte makellos.
Keine offensichtlichen Anzeichen von Chaos oder Verzweiflung.
Doch Renate wusste, dass die Fassade trügen konnte.
Sie begann ihre Suche systematisch.
Nicht chaotisch, nicht blindlings.
Sie durchsuchte Schubladen, durchblätterte Aktenordner, ihre Hände glitten über die kühlen Oberflächen von Dokumenten, die sie nicht verstand.
Ihr Herz pochte unregelmäßig.
Jeder Kniff, jeder Ordner, der nur geschäftliche Korrespondenz enthielt, ließ ihre Hoffnung ein wenig schwinden.
Sie überprüfte die Bücherregale, tastete hinter den Büchern nach versteckten Fächern.
Nichts.
Ein Anflug von Verzweiflung stieg in ihr auf.
Vielleicht war sie auf dem falschen Dampfer.
Vielleicht war Lars doch nur ein naiver Narziss, der in Claras Fänge geraten war.
Doch dann fiel ihr Blick auf eine kleine Ledertruhe, die unter einem Stapel alter Universitätsbücher versteckt war.
Es war eine Truhe, die Lars als Kind benutzt hatte, um seine „Schätze“ aufzubewahren – alte Münzen, glänzende Steine, getrocknete Blumen.
Renate hob die Bücher vorsichtig beiseite.
Ihre Finger zitterten, als sie nach der Truhe griff.
Sie war nicht verschlossen.
Sie öffnete den Deckel langsam.
Drinnen lag, zuoberst auf ein paar alten Kinderzeichnungen, ein Brief.
Ein ungeöffneter Brief.
Der Name „Clara Weber“ stand als Absender darauf, die Handschrift war elegant und schwungvoll.
Der Briefumschlag war noch versiegelt.
Lars hatte ihn offenbar nicht einmal gelesen.
Ein kalter Schauer lief Renate über den Rücken.
Hier war es.
Das, wonach sie gesucht hatte.
Das, wovor sie sich gefürchtet hatte.
Sie zog den Brief vorsichtig aus dem Umschlag.
Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie beinahe das Papier zerriss.
Der Brief war lang, auf feinem, cremefarbenem Papier geschrieben.
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