Meine Mutter saß am Küchentisch, ein Stapel Rechnungen vor sich, ihre Stirn war in tiefe Falten gelegt. Seit Richters Ankündigung der „Heiligen Stiftung“ war ihr Gesicht von einer konstanten Sorge gezeichnet, die die Jahre um sie herum zu vertrieren schien. Leo saß neben ihr, spielte mit Bauklötzen, doch seine Augen wanderten immer wieder ängstlich zu ihr.
Die Anforderungen der Stiftung hatten unsere Familie an den Rand des Ruins getrieben. Jeder gesparte Euro floss in Richters Kasse, und doch reichte es kaum.
An einem sonnigen Nachmittag kam Herr Richter persönlich vorbei, um meine Mutter aufzusuchen. Er tat es unter dem Vorwand, sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen. Er setzte sich ihr gegenüber, sein Gesicht strahlte eine scheinheilige Güte aus, die mich anekelte.
“Frau Schmidt”, begann er, seine Stimme war sanft und besorgt. “Ich habe gehört, dass es Ihnen schwerfällt, die volle Höhe der Stiftung aufzubringen. Das schmerzt mein Herz.”
Meine Mutter sah ihn mit fast kindlicher Dankbarkeit an. Sie war so verzweifelt, dass sie jeden Strohhalm ergreifen würde, den er ihr anbot.
“Es ist eine Prüfung, Herr Richter”, sagte sie leise. “Aber es ist schwer. Ich möchte doch nur, dass meine Kinder sicher sind.”
Richter legte seine Hand auf ihre, ein pathetischer Akt der Anteilnahme. Ich beobachtete das Ganze aus dem Flur, mein Blut kochte.
“Ich habe eine Lösung”, verkündete er dann mit einer Geste, als würde er ein großes Geheimnis lüften. “Die Gemeinschaft bietet einen ‘Sonderkredit’ aus unserer eigenen Kasse an. Ein Zeichen unserer Brüderlichkeit und meines Vertrauens in Ihren Glauben.”
Meine Mutter sah ihn mit leuchtenden Augen an, ein Funken Hoffnung tanzte in ihren Augen.
“Einen Kredit?”, fragte sie ungläubig.
“Ja”, bestätigte Richter. “Zu symbolischen Konditionen. Nur eine kleine Bearbeitungsgebühr, um die Verwaltung zu decken.”
Er zog ein gefaltetes Dokument aus seiner Tasche. Es war kein offizieller Kreditvertrag, sondern ein handgeschriebenes Papier, das mit Siegeln der Gemeinschaft versehen war. Richter reichte es ihr. Meine Mutter nahm es mit zitternden Händen entgegen.
Ich sah, wie Richter ihr das Dokument erklärte, seine Finger wanderten über die Zeilen. Er erwähnte die “symbolischen Gebühren” von fünfzehn Prozent der Kreditsumme und die Notwendigkeit, “zusätzliche Sicherheiten” zu hinterlegen. Ich konnte von meinem Versteck aus nur Bruchstücke verstehen, doch mein Magen zog sich bei dem Wort “Sicherheiten” zusammen.
Dann sah ich, wie er auf eine winzige, fast unsichtbare Klausel am unteren Rand des Dokuments zeigte. “Für den unwahrscheinlichen Fall des Zahlungsverzugs”, sagte er mit einem viel zu charmanten Lächeln, “würden Ihre verbleibenden persönlichen Vermögenswerte, als Zeichen Ihrer Hingabe, direkt an mich übergehen, um die Gemeinschaft zu entschädigen.” Er meinte damit nicht die Gemeinschaft, sondern sich selbst. Es war ein zynischer Betrug, versteckt im Kleingedruckten.
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